Die Schäferin vom WeidenHof

Nebla und die Nebelschafe

Herbstweide

Es ist schön und wehmütig zugleich. Ein wenig ist es wie diese Jahreszeit auch, wenn erste kalte Tage mit Regen und frostige Morgen uns langsam vom Sommer Abschied nehmen lassen. Zugegeben, dieser Sommer war nicht wirklich sehr sommerlich, aber dennoch gibt es ja immer wieder diese Hoffnung auf goldenen Oktober, Spätsommer, Altweibersommer, nochmal wärmende Sonnenstrahlen auf der Haut, bevor die dicke Winterkleidung aus dem Schrank geholt wird. Und dann kommt die Zeit, in der man gerne drinnen bleibt, Abschied vom „da draußen“ nimmt und zur Ruhe kommt.

Ich mochte es schon immer gerne, wenn der Winter Einzug hält. Irgendwie reden immer alle nur vom Sommer, vom baden gehen, draußen sein, Spaß haben, eben den offensichtlich angenehmen Seiten des Lebens. Aber wenn dieser ganze Trubel da draußen mal zur Ruhe kommt, man stille Spaziergänge machen kann, während der Nebel über die Wiesen wabert, Wassertropfen sich in Spinnennetzen aufreihen wie an einer Perlenschnur, pittoreske Blumengerüste wie auf einer modernen graphischen Malerei in den mild blaugrauen Hintergrund ragen, die Schafwolle längst wieder nachgewachsen ist und dösende Mütter auf den Weiden liegen und die Ruhe vor der nächsten Lammzeit genießen und man selbst nach getaner Arbeit zu Hause den Kamin anschmeißt und sich mit einem Heißgetränk in die Schaffelle auf dem großen Sessel kuschelt, dann fühlt sich sowas für mich ziemlich großartig an. Und ich bin froh, das genießen zu dürfen. Meine genießenden Mamas da draußen zu genießen, das prasselnde Feuer zu genießen, das man hören kann – denn drumherum ist Stille, der Natur beim leisen Einatmen zusehen genießen, den frischen Tee genießen, einfach nur genießen, dass alles ist, wie es ist. Und ich hier sein darf.

Einatmen. Bei dem Wort haben bestimmt manche Leser gestockt. Ja, die Natur atmet eher ein als aus. Nicht wie man denkt, wenn es Herbst ist und alles abstirbt, verwelkt und irgendwann einfriert. Wir Menschen sind oft einfachere Bilder und Symbole gewohnt. Wenn eine Blume verwelkt, ist aus und vorbei und fertig. In der Vase vielleicht, aber nicht draußen in diesem lebendigen Wesen Natur. Wenn die Pflanzen ihre sichtbaren Teile verwelken lassen, gibt es ja immer noch die Wurzel, sozusagen die „geheime Basis“ des Pflanzenlebens. Dorthin ziehen sich die Kräfte des Lebendigen sich zurück und das, was im kommenden Frühjahr wieder Pflanze wird, überwintert buchstäblich im Schoß der Erde. Die pflanzliche Natur atmet ein, zieht ihre Kräfte zurück, um später wieder „auszuatmen“ und ihre volle Pracht zu entfalten. Das enspricht so ziemlich einem Bild eines Kreislaufes, in dem Werden und Vergehen sich gegenseitig bedingen und immer wieder gegenseitig auseinander hervorbringen. Wenn man auf frühe, schriftlose Kulturen blickt und die Relikte versucht zu interpretieren, die wir heute finden, stellen Religionswissenschaftler und Kulturhistoriker genau das fest. Das frühe Weltbild, welches ganz stark an den natürlichen Vorgängen angelehnt ist, von denen die Menschen umgeben waren, orientiert sich an diesem jahreszeitlichen Rythmus. Da gibt es keine lineare Vorstellung von einem Anfang von irgendetwas, einem Verlauf und einem definitiven Ende, sondern die Welt wird in Kreisläufen wahrgenommen. Das „Weltbild zyklischer Ordnung“ wird es auch genannt. Der ganze sommerliche Trubel mit all seinen Blüten, Farben, Sonnenstrahlen, Früchten und dem Ausgelassen-sein ist eigentlich ein Absterben. Denn die Kräfte des Lebens werden ja verschwenderisch hingegossen und manifestieren sich in eben all dem, was wir wahrnehmen, sehen, riechen, anfassen, essen und fühlen könen. Aber damit hat sich diese eine Form, diese eine Frucht, diese eine Blüte verausgabt, hingegeben und ist verwelkt, aufgegessen, dieser eine Duft vorbeigezogen, dieses sommerliche Treiben erschöpft. Aber das Leben selbst erschöpft sich nicht. Das Leben erzeugt sich immer wieder neu aus sich selbst heraus. Und dafür muss es sich zu gegebener Zeit wieder sammeln.

Genau dafür sind die grauen, trüben Herbsttage da. Innerlich zur Ruhe kommen, sich sammeln, sich über die Früchte des vergangenen Jahres freuen und freudig auf das Kommende blicken. Irgendwie ist es mit den Schafen sehr spürbar, dieses Sammeln. Die „Früchte des Vergangenen“ stehen in Form der „Böckchen“ (mittlerweile 45 – 50 kg Schafe…) auf der Weide. Tiere, die noch über den Winter gebracht werden, weil sie als alte Landrasse tatsächlich noch ein bisschen zulegen, auch wenn im Winter generell in der Natur ein Wachstumstopp eingelegt wird. Mit einer guten mineralischen Versorgung und bestem Futter bringen die Böckchen aber nachher doch noch etwas mehr auf die Waage. Sie dürfen nun noch ihr unbeschwertes Leben als junge Racker genießen, bevor die Zeit des Abschieds kommt.

Was immer sehr schwer ist, ist der Abschied von Alttieren. Bevor der Bock wieder in die Mutterherde kommt, habe ich alle Mütter „einmal in der Hand“. Bzw. weiß ich, wer geht und wer bleiben muss, wo ich nachsehen muss,… ich kenne ja meine Mähdels. Ich hole also alle Muttertiere, Jährlinge und weiblichen Lämmer inklusive Omas in den Stall und sortiere. Meist stehe ich erst etwas bedröppelt da, versuche, mir das nicht anmerken zu lassen, trinke noch einen Tee, tue so, als müsste ich noch was überlegen, …  ich hasse das. Das ist der Moment, indem „rote Halstücher“ verteilt werden, der Moment, indem ich Todesurteile spreche.

Trudi. Den Zähnen nach bestimmt mindestens 8 Jahre. Immer gelammt und echt klapprig auf dem Rücken. Ging alles gut soweit. Aber nun? Ich kenne das. Aaach, denkt man, das Schaf ist fit und gesund, ist ne Schnucke, die macht das schon. Pustekuchen. So wie mit Swantje letztes Jahr. Da hab ich im Herbst gedacht, die sieht super aus, ja alt ist sie, aber komm, einmal schafft sie noch. Mindestens. Und was war? Im Alter bekommt man eben auch als Schaf Zahnprobleme und sie konnte – hochtragend – ihre Nahrung nicht mehr richtig aufschlüsseln, weil ihr die Brocken beim Widerkäuen aus dem Mund gefallen sind. Die Ergebnisse waren: ein dürres Muttertier, was zu schwach zum Gebären war und Schäferinnenhände brauchte, die wissen, was sie tun; ein Lamm, was einen Tag nach der Geburt stirbt und ein Flaschenlamm, was bis heute relativ mickrig geblieben ist.

Bullshit ist sowas. Bzw. Schafshit. Nur weil wir Menschen uns manchmal doch von Emotionalitäten leiten lassen, die wir nicht gründlich genug abgewogen haben, müsssen die Tiere das dann ausbaden. Natürlich gibt es Lieblingsschafe und natürlich behält jeder Schäfer, der seine Schafe mag, auch mal ein Lieblingsschaf ein Jahr länger. Aber dennoch tue ich das Allerbeste für die Schafe, wenn ich möglichst genau hinschaue. Schafft es das Schaf wirklich? Was sagt mein Kopf? Was sagt mein Gefühl zu ihrer Lebensenergie, die sie im Alltag zeigt? Und dann erst kommt der Kuschelfaktor.

Meine Moorschnucken Mutterherde grast mit ihrem Bock unter der Eiche und knackt genussvoll kleine herabgefallene Eicheln…

Zugegeben, ich habe schon wieder zwei Muttertiere nach Kuschelfaktor ausgewählt. Eigentlich standen sie schon in der „rote Halstuch-Fraktion“. Aber dann habe ich es nicht übers Herz gebracht. Habe mit meiner Schaftierärztin telefoniert und versucht, möglichst professionell davon zu berichten, bis ich ein Gekicher am anderen Ende der Leitung hörte. „Sag das nochmal“ hörte ich sie, als ich sie zum zweiten Mal gebeten habe, mir die Richtigkeit meiner Entscheidung zu bestätigen. Und irgendwie wurde mir bewusst, dass ich es diesmal „ganz genau“ nehmen wollte. Ja nichts falsch machen. Nicht schon wieder so eine Geschichte wie mit Swantje. Ich hatte mich zu Tode geschämt, wenn jemand dieses zerfledderte Muttertier sah. Denn wie die Tiere aussehen liegt an uns, an unseren Entscheidungen, an unserem Wissen, unserer Kompetenz und unserem Willen, das Beste für die Tiere zu wollen und nicht für unseren Kuschelfaktor.

Der Nachwuchs. Ein Teil der Jährlingsherde, die nun zum ersten Mal beim Bock ist. Reine Moorschnucken und Moorschnucken-Milchschaf-Mischlinge.

Dennoch können wir am besten für die Tiere entschieden, wenn wir ihnen möglichst nahe sind. Neben all dem Wissen, den Lehrbüchern, den praktische Erfahrungen, den Handgriffen und Know-Hows geht Tierhaltung am besten, wenn ich liebe, was ich tue und wenn ich das Lebewesen, was mir gegenübersteht mit Empathie und Zugewandtheit betrachte.

Das alles unter einen Schäferhut zu bringen ist wirklich nicht einfach. Manchmal hilft da das Gekicher meiner Schaftierärztin. Haben die einfach gelammt? Ja, ging superschnell und problemlos. Die Lämmer gut aufgezogen? Ja, dicke Brocken geworden. Haben die aufgefleischt? Ja, für Milchschafe akzeptabel. Zähne ok? Jo, kauen genüsslich. Euter? Top.

„Die Schafe zeigen dir schon, wann es genug ist.“ War die Antwort einer höchst wissenschaftlich arbeitenden, in ganz Niedersachsen Schafbetriebe betreuenden und seit 25 Jahren forschenden Praktikerin. Komm runter, Frau Schäferin. Wir packen das schon.

Es wird bestimmt bei Lina das letzte Mal sein, dass sie lammt. Aber dieses eine Mal machen wir noch zusammen. Und Nuran ist so zäh – wir werden es sehen. Außerdem sind sie erst 6. Kein Alter für ein gut gepflegtes Schaf.

Also zurück zu den anderen: Trudi, Freya, Swantje – die schaffen das nicht noch einmal. Esther hat eine Wehenschwäche und hat die letzten beiden Jahre schwer gelammt. Im ersten Jahr hat sie das eine Lamm verloren, im zweiten konnte ich es verhindern, aber ohne Geburtshilfe ging nicht und das Bild war jedes Mal gleich. Es macht mehr Sinn, ihre Tochter Erle „ins Rennen zu schicken“, wie ich manchmal sage. Erle ist dick und rund und war stolze Mutter eines einfach geplöppten Lamms. Miyax hatte Vierlinge und ein komisches Euter. Ein Brecherschaf, was sich nicht gut händeln lässt. Kein Ahnung wieso, aber bei Miyax habe ich nicht das Gefühl, sie wolle weitermachen. Zudem ist das Euter tatsächlich sehr ungünstig. Dazu kommen ungefähr 10 weibliche Jährlinge, für die ich einfach keinen Platz habe. Ich habe diesmal schon mehr Muttertiere als sonst. Der Stall wird aus allen Nähten brechen.

Und Gnadenbrotplätze sind auch mehr als belegt. Ich habe schon zwei Damen, die ich als „erste offizielle Wollproduzentinnen“ tituliere. Hört sich produktiver an als „Gandenbrot“. Es sind Milchschafe, die immer schöne Wolle machen, und wenn das Schaf keine Energie in Lämmer stecken muss, wird es noch mehr Wolle, was uns nun bei den anstehenden Wollprojekten auch nicht unbedingt schadet…. Banou ist das „Führschaf“. Eine betagte Dame, die in diesem Jahr definitv das letzte Mal gelammt hat, aber so friedlich und feundlich ist und dazu ein absolutes Leckermäulchen, dass ich mit ihr auch schwierige Jährlingsgruppen über den Hof führen kann. Super, auch sie hat also nen Job hier. Nebla und Oma Irmi haben ja eh das goldene Gnadenbrot. Nebla als Urschäfin der Herde und Oma Irmi als obercoolste Schnucke auf der ganzen Welt. Fünf schon. Verdammt. Mehr geht nicht.

Die Tochter der Nacht. Das schönste Jährlingsschaf in meiner Nachwuchs-mutterherde. Ihre Mutter war schwer krank vor zwei Jahren und hat das Gnadenbrot erhalten. Jetzt macht ihre Tochter für sie weiter…

Aber wie einzelne Blüten, Früchte und Kräuter vergehen, ist es auch mit einzelnen Schafen, es dauert eben nur ein paar Zyklen länger. Irgendwann kommt die Zeit des Abschieds. Und schließlich will ich als Schäfer die Herde im Blick behalten. Je gesünder die Einzeltiere sind, je fitter sie sind, je problemloser sie ablammen können, weil sie so gesund sind, je besser sie ihre Lämmer alleine aufziehen, desto harmonischer und widerstandsfähiger ist die komplette Herde. Also ist das mein übergeordnetes Ziel, auf das ich hinarbeite. Dass ich mich als Schäfer dabei immer wieder mit Einzeltieren besonders verbinde, zeugt nur von der Fähigkeit zur Empathie und Zuneigung, die ich in meinem Alltag, bei meiner Arbeit als Schäfer, zulasse.

Und nun? Es ist so, wie es ist. Ich kann den Abschied nur mit Würde gestalten. Den Schafen dankbar sein für unsere gemeinsame Zeit, wissend, was ich alles von ihnen erhalten habe. Und dabei spreche ich nicht nur von den Lämmern, die sie geboren haben, sondern auch von unzähligen kleinen netten, witzigen, schönen oder nachdenklichen Momenten in unserem gemeinsamen Herdenleben.

Malin – einst Flaschen – und Hauslamm, von ihrer Mutter verstoßen wohnte sie bei uns in einem Körbchen im Wohnzimmer. Nun wird sie zum ersten Mal selbst Mutter

Und gleichzeitig weiß ich, dass auch die Herde wieder „einatmet“. Die Mütter genießen die Ruhe draußen, tummeln sich auf der Weide, Freundinnen liegen beieinander, Streit gibt es kaum, alle sind ziemlich entspannt – außer die Schwänzchen fangen an zu wackeln. Dann sucht die ein oder andere ein bisschen aufgeregter den Bock auf….

So wie alle raufutterverzehrenden Tierarten oder das widerkäuende Schalenwild da draußen, was noch im natürlichen Rhythmus von saisonaler Brunft lebt, wird vom abnehmendem Licht die Hormonproduktion im weiblichen Organismus angeregt. Das ist auch bei den alten Landschafrassen so. Bei den männlichen ist Testosteron ja mitlerweile im vollen Gange, während Somatotropin, das Wachstumshormon, was für Körperwachstum oder auch Geweihwachstum bei den Cerviden in freier Wildbahn verantwortlich ist, runtergefahren wurde. Rehböcke oder Damhirsche haben ja bereits Geweih, bzw. Gehörn oder Schaufeln und zu der Zeit auch schon verfegt und sind hübsch für die Brunft. Die Böcke fangen an zu riechen, sie pinkeln gerne und oft, damit die Damen auch mit betörendem Duft angelockt werden. Ziegenböcke achten darauf, sich auch immer ein bisschen anzupinkeln, was ihnen einen unverwechselbaren Dunst beschert. Die Anwesenheit und der Duft des Bockes wiederum löst den Eisprung bei den Auen, den weiblichen Schafen aus. Jede Tierart hat nun ihren eigenen, artspezifischen Brunftablauf. Bei den einen kommt der Hirsch zu den Damen, die im Rudel unterwegs sind, bei den anderen warten die Hirsche geduldig, bis die Damen die Brunftplätze aufsuchen. Bei unseren Schafen ist das alles nicht mehr ganz so natürlich zu beobachten, denn wir halten sie ja in von uns bereitgestellten Weideflächen. Aber was dann auf der Weide geschieht, ist immer wieder interessant zu sehen.

Der Dicke beim Flehmen…

Der Bock, der voller Lebenskraft strotzt, geht immer wieder höchst erfeut von einer zur anderen, um an ihrem Hinterteil zu riechen und sie zum Pinkeln zu animieren. Manche Damen sind noch weit vom Fortpflanzungsgedanken entfernt und springen entsetzt zur Seite. „Nein heißt nein!“ scheint manche zu sagen und lässt beim Wegspringen manchesmal einen entrüsteten, quietschenden Schnaufer hören. Entweder der Bock versucht es erneut oder lässt – abgeblitzt wie er da steht – enttäuscht seinen Kopf sinken. Irgendwann trottet er halt zur Nächsten. So lange, bis eine tatsächlich ihr Hinterteil absenkt und einen ordentlichen Strahl laufen lässt. Für uns Menschen – jedenfalls für mich – ist das immer eine komische Vorstellung, aber das gehört zum schäfischen „Liebesspiel“. Der Bock hält seine Nase in den Strahl, versucht womöglich noch einige Tropfen aufzunehmen, zieht dann die Oberlippe hoch, streckt den Kopf von tief unten gestreckt nach oben und zieht Luft durch die Mundhöhle. Dieses Verhalten – das Flehmen – ermöglicht ihm, Geruch und Geschmack besonders intensiv wahrzunehmen, denn hinter dem Gaumen liegt das vomeronasale Organ, oder Jacobson-Organ, mit dem er anhand der Pheromone, die die Aue ausscheidet, unterscheiden kann, ob sie empfangsbereit ist oder nicht.

Finni prüft die Lage und die Chancen…

Yes!

Aber auch für das geübte Schäferauge lassen sich Schafdamen erkennen, die bereit für einen weiteren Lebenskreislauf sind. Die Schafe werden unruhiger, pinkeln öfter, ganz eindeutig rötet sich die Hinterteilregion und man sieht sie oft mit ihrem kleinen Schafschwänzchen wackeln. Zur „besten“ Zeit ist es nun kaum noch zu übersehen. Schafdamen, die dem Bock vorher gleichgültig gegenüberstanden, blicken nun panisch über die Weide, wenn der Bock woanders hingeht. „Ganz zufällig“ müssen sie dann unbedingt dort entlanggrasen, wo der Bock langgelaufen ist, bis sie direkt neben ihm angekommen sind und Seite an Seite zu ihm,  mit ihren Kulleraugen auf ihn gerichtet, anmutig die Grashalme zupfen.

Wir beide im weichen Gras…

Auch dabei sind die Schafindividuen so unterschiedlich wie wir Menschen auch. Es gibt Damen, denen man die Melancholie des Verliebtseins schon auf weite Entfernung ansieht. Diese unerträgliche Sehnsucht, die sie komplett erfüllt….. Dann wieder gibt es die „Coolen“, die immer wieder vor dem Bock herstolzieren und ihrerseits Duft verströmen und sich dadurch interessant machen, dass sie sich rar machen. Oder die Verkuschelte, die immer wieder ihre Wange an seine reibt, ihn ausgiebig beriecht – überall – und immer wieder animiert, das „Eheleben“ zu vollziehen. Und es gibt die liebe, gute Schaffrau, die treu den ganzen Tag an des Bockes Seite steht, egal was er tut und ihm auf Schritt und Tritt ergeben ist.

na, haben die beiden nicht einen wild-romantischen Blick?

Wie das so ist in der Natur – hat sich der Zweck erfüllt, kehrt Ruhe ein. Der Bock liegt erschöpft (bei ca. 50 Deckakten am Tag kein Wunder…) und etwas abgemagert auf der Weide rum und schaut mich aus müden Augen mit hängenden Augenlidern an und scheint zu fragen: hast du mal was Richtiges zu essen für mich? Proteine wären gut…. Die Damen liegen selig versammelt. Die, die als letzte dran waren haben noch ein wenig Wehmut, da die ganze Romantik doch zu schön war und jetzt ist es vorbei….. Manchmal haben wir noch Glück und das Wetter ist nochmal richtig schön. Aber es wächst nichts mehr, die Bäume und Sträucher sind zunehmend kahl und wenn die Wiesen dann auch noch vernässt sind, wird sich das auch nicht mehr ändern und ich beobachte penibel, ob sich noch trockene Liegeflächen finden lassen.

Der arme Bock hat gleich vier Damen, die er umgarnen muss…

Und dann kommt die Stallzeit. Es geht auf die Wintersonnenwende zu, draußen ist alles still, jeder versucht sich einzurichten und zu schützen so gut er kann, die Lebendigkeit des Sommers vergessen. Aber innerlich ist das blühende Leben, denn ich weiß, in den Leibern meiner Schafdamen wächst gerade die halbe Herde heran, die im Sommer wieder draußen unterwegs sein wird. So ist es überall. Große Tiere mit langen Entwicklungszyklen sind tragend, die Samen liegen unter der vergämmelnen, werdenden Humsuschicht der Blätter des letzten Sommers oder der Schneedecke, die Wurzeln haben Grünzeug abgeworfen und die Pflanze sich unter der Erde „versteckt“, alles lebt im Innerlichen. Und zuerst kommt das Licht wieder. An Wintersonnenwende werden die Tage länger. Und das Leben beginnt, langsam und allmählich wieder auszuatmen und all seine neuen Formen zu verströmen. Und dann wird bald Lammzeit sein.

…sieht aber sehr kuschelig aus, wahscheinlich machts ihm nichts aus….

Aber momentan sind wir mit den Mähdels ja grad noch dabei, das neue Leben entstehen zu lassen. Es ist schön, die Ruhe in der Herde dabei zu spüren. Auch wenn dieses von mir geliebte Gefühl in dieser schönen Jahreszeit in diesem Jahr doch sehr von Wolfssorgen überdeckt wird. Dennoch, meine Mähdels sind da und brauchen mich, also tue ich was ich kann und versuche, nie aus den Augen zu verlieren, was ich an ihnen habe. Ohne sie könnte ich nicht all diese Milliarden Gedanken haben, aus denen dann z.T. auch diese Blogartikel werden. Beim Zäune stecken hat man manchmal viel Gelegenheit, Schafe zu beobachten und nachzudenken….

Ja, es ist schön und wehmütig zugelich. Einzelne Schafe kommen und gehen und ich bin beschäftigt mit Abschieden und gleichzeitig netter Beobachtung von Schafrendevous. Ein arbeitsreiches Jahr beruhigt sich, bevor es nach der Wiederkehr des Lichts wieder so richtig hart wird und Lämmer purzeln. So wie die Jahreszeiten wechseln, so wandelt sich auch unser menschliches Leben und unsere Ideale, unsere Einstellungen, unser Verhältnis zu dem, was uns umgibt. Egal wieviel Neues, wieviel moderne Ideen und intellektuelle Erkenntnisse unser Verhältnis zu dem da draußen wandeln, wie auch immer wir das „da draußen“ umgestalten, das Leben wird immer wieder neu entstehen, aus der Sehnsucht nach sich selbst heraus.

Herbstweide. Schön und wehmütig zugleich…..

 

 

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