Die Schäferin vom WeidenHof

Nebla und die Nebelschafe

Herbst und neue Wolle

Es ist lange schon Herbst geworden. Ein weiteres Jahr verstreicht langsam und unaufhaltsam, das ist soweit normal, dennoch wird es uns jetzt erst so richtig klar. Bzw. mir – denn meinen Mähdels ist alles klar wie immer. Lämmer weg, rumgammeln ein paar Tage, endlich nicht mehr so heiß, Herbst kommt, Bock kommt. Und dann der Spaß. Hört sich relativ entspannt an und bis der Trubel der Lammzeit kommt, hat es noch ein bisschen…

Auf unserem Hof ist aber so einiges los und so lief die Sache mit dem Bock fast nebenbei. Klar war, diesmal würde Harry zu den Mamas gehen, mein schwarzer Gotland-Bock. Der graue Onni hatte letztes Jahr für wunderschöne Lämmer gesorgt, nun wollte ich mein Woll-Farb-Experiment erweitern. Das Wissen um Farbe und Qualität der Wolle geht immer mehr verloren, weil Schäfer mit Wolle nichts mehr verdienen.

Esther, eine Jährlingsdame aus Onnis Nachkommenschaft

Die Wolle unserer heimischen Schafrassen wird nicht mehr geschätzt. Zu kratzig, zu grob, zu dies, zu das. Man kleidet sich – wenn überhaupt in natürlicher Faser, dann in Merinowolle: sanft, weich und kuschelig. Allerdings kommen Merinos ursprünglich aus Spanien, wo die Rasse bis vor ein paar hundert Jahren eifersüchtig gehütet wurde und der spanischen Wollmanufaktur eine Menge Geld einbrachte durch Wollprodukte aus besonders feinem Tierhaar. Vielleicht kommt daher noch das edle Ansehen von Merinowolle. Heute werden sie in riesigen Herden in Neuseeland und Australien gehalten. Dass da die Bindung zum einzelnen Tier nicht besonders groß sein kann, ist mehr als verständlich, wenn auch nicht erstrebenswert. Aber bei 20 000 Schafen kann man schon mal den Überblick verlieren. Hierzulande ist eine Schäferei mit 1200 Mutterschafen „groß“. Früher, als Landwirtschaft noch ein traditionelles Geschäft war, hatte manch ein Hof so seine hundert Schafe. So zumindest war es in dem Dorf, zu dem unser Hof gehört. Im Frühjahr wurden die Herden der 7 Höfe zusammengetrieben und der Schäfer zog mit der großen Herde in die „Allmende“, zur Sömmerung.

Die Allmende ist grob gesagt Gemeindeland, Land also, welches noch nicht in Besitz genommen wurde. Meist war das natürlich weniger ertragreich. Heideflächen kann man sich als Allmende vorstellen, magere Wiesenstandorte, Land welches weit draußen lag und schwer bewirtschaftbar war. Aber dafür umso mehr geeignet, um mit den genügsamen Schafen umherzuziehen, die sich auch bestens von den kargen Flächen ernähren konnten, weil die Allmende früher viel größer war. Heute ist das kaum noch vorstellbar, heute, wo alles Land bebaut und erschlossen ist. Zum Winter hin kam der Schäfer wieder nach Hause und alle Schafe wurden auf ihre angestammten Höfe verteilt. Dort wurden Schlachttiere ausgewählt, Zuchttiere verkauft und gekauft und die Mutterschafe brachten jeweils ihre Lämmer zur Welt. Während der Schäfer die Muttertiere versorgte, machten sich die Frauen des Dorfes daran, die Wolle des Jahres zu verspinnen. Wenn draußen auf dem Acker nichts zu tun war, wurde eben anderes Erntegut verarbeitet – die Wolle.

Wolle wie Wolken am Himmel, über das Jahr gewachsen

Heute ist Wolle ein Abfallprodukt heimischer Schafhaltung, denn weder ziehen Schäfer mit ihren Schafen durch Gemeindeland, um Nahrungsmittel und Rohstoffe für Kleidung herzustellen, noch sind wir auf wärmende Fasern tierischen Ursprungs angewiesen. Und so wird Wolle mehr zu einem Luxusprodukt, welches dann aber auch diese luxuriösen Kriterien erfüllen muss. Superweich, waschbar in der Waschmaschine, leicht und flauschig, in allen Lieblingsfarben erhältlich. Um diese Kriterien zu erfüllen, wird selbst der Merinowolle Kunstfaser beigemischt oder die Wolle wird mit allerlei Spülungen und Mittelchen behandelt, oder beides.

Jedes Schaf hat sein individuell gewachsenes Kleid

Mich interessiert aber der Teil des Weges der Wolle besonders, der beim Wachsen am Schaf anfängt. Welche Schafrassen produzieren welche Wolle, wie fühlen sich die unterschiedlichen Wollarten an, welche Farben bringt die Natur am Schaf selbst hervor, wie oft und welche Schafe wann scheren und wie kann ich Einfluss nehmen auf die Gestaltung von Wollprodukten, indem ich am Schaf beginne? Wie bereits erwähnt, Wolle und deren Qualität stellen keine der vordergründigen Zuchtziele mehr dar, wenn man damit arbeiten möchte, muss man sich schon ganz schön durchfragen. Und selbst bei den alten Schäfern wissen längst nicht alle alles.

Sonja mit Sonnea, einer weiteren Onni-Tochter

Wir haben uns durchgefragt und durchgearbeitet, also vielmehr ich, meine Mähdels haben Lämmer bekommen und Wolle wachsen lassen. Vor zwei Jahren kam der erste Bock der Rasse Gotländisches Pelzschaf, welches in den nordischen Ländern besonders feine Wolle entwickelt und aus dem schwedischen Utegangsfar herausgezüchtet wurde. Ein ganz gewöhnliches Schaf – ein Landschaf – dessen Wollqualiät durch Zucht verbessert wurde. Die wilden Verwandten, bzw. die ursprünglichere Rasse dazu – das Guteschaf oder Gutefar – gibt es heute noch. Auf Gotland, in Schweden und ein paar in Deutschland. Und eben das Gotländische Pelzschaf.

Sonnea im Herbst
Onni-Lämmer

Die ersten Gotland-Mischlingslämmer sind mittlerweile Jährlingsdamen und verbringen ihren ersten Herbst gemeinsam mit den Rentnerinnen, die zum Aufpassen da sind, auf der Jährlings- oder Nachzuchtweide. Die Mütter allerdings hatten nun den zweiten Pelzschaf-Bock, diesmal den schwarzen.

Noch steht Harry alleine da, denn die Damen sind skeptisch…

Die Jährlinge wurden im August geschoren, eine Sommer-Lämmerschur, damit aus der weichen Lammwolle Decken gemacht werden können. Das ist gut für Wollprodukte, aber auch gut für die Schafe, denn zum richtigen Zeitpunkt geschorene Mutterlämmer entwickeln sich nochmal besser, als wenn sie im nächsten Jahr noch mit ihrer Lämmerwolle, die dann lang und verfilzt ist, herumlaufen müssen. Die Kreuzung aus Moorschnucke und Gotlandschaf scheint eine wunderbare Sache. Die Jährlinge entwickeln sich sehr gut, werden robust und genügsam und ihre nachwachsende Wolle verspricht viele gute Wollernten. Und hübsch sind sie. Wirklich einfach nur hübsch.

Aber schon am nächsten Vormittag hatte er die Herzen der Herde erobert. Sichtlich stolz darüber..

Und so wird es also eine Gruppe reinrassige Moorschnuckenmütter geben, deren Wolle zu Teppichen und Webdecken verarbeitet wird und eben die Gotlandwolle, die für die Kuscheldecken vorbehalten bleibt. Ich weiß nun also noch immer nicht viel über Wolle und Schafzucht für die Tuchmanufaktur, aber wir haben einfach mal angefangen, den Faden wieder aufzunehmen und machen aus Wolle die vom Schaf fällt Dinge, die Menschen brauchen. Wie eh und je. Und wie seit tausenden von Jahren entstehen neue Schafe und neue Ideen, während man mit der Hand gedankenversunken über die Rücken der Schafherde streicht.

Freya, eine Onni-Tochter deren glänzende Lammwolle nun gerade zu einer gewebten Decke verarbeitet wird

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