Die Schäferin vom WeidenHof

Nebla und die Nebelschafe

Lola und der Winterpulli

Da bin ich – Lola mein Name und ich bin ein junges Schaf in einer kleinen Herde inmitten kleiner Wiesen , die von Büschen und Bäumen umsäumt sind. Meine Mutter, meine Schwester und ich leben hier und genießen die klaren Winternächte, das frische Gras des Frühlings und den Schatten unter den Büschen, wenn der Frühling langsam zum Sommer werden will.

Die schönste Zeit für ein Schaf ist zum Beispiel die Zeit der kalten, sternklaren Winternächte, in denen wir unter dem Sternenhimmel von den bald aufkommenden Weiden träumen und die heimelige Ruhe des Hofes genießen. Dabei haben wir eine Menge zu tun und kauen das getrocknete Gras des vergangenen Sommers. Das Kauen ist für uns sehr wichtig, damit das Gras uns ernährt und nebenbei entsteht eine wohlige Wärme in unserem Bauch, die von einer dicken Wollschicht gehalten wird, sodass uns niemals kalt wird, auch wenn die Pflanzen drumherum schon mit Frost überzogen sind und die Menschen dick vermummt schnell in die Häuser huschen.

Lola im Winter
Lola (rechts) im Winter an der Heuraufe, noch im braunen Lämmerfell

Unser Mensch genießt die Wärme der Herde immer und legt sich im Winter oft mit uns ins warme Stroh, während zwei oder drei Schafe anschmiegsam daneben liegen. Unser Mensch weiß, dass wir nicht frieren, solange wir ein trockenes Plätzchen zum Liegen haben. Und wenn dann in diesen kalten klaren Winternächten die neuen Lämmer geboren werden, ist der Stall erfüllt von Mutterwärme und wohligem Wollduft.

Im Frühling ziehen wir dann raus. Auf die Weiden, wo das frische junge Gras sprießt und wir uns – ausgehungert nach frischem Lebenssaft wie wir sind – auf diese zarten Triebe stürzen, bis unsere Pansen kugelrund sind und wir mit dicken Bäuchen abends nur noch selig im Stroh zum Kauen liegen. In den kühlen Frühjahrsnächten ist es für die Lämmer noch nicht so weit. Ihre Wolle ist noch ein wenig kurz und nur die Älteren liegen bereits draußen im Auslauf mit ihren Müttern zum Schlafen unter den Sternen.

Und dann wird es allmählich wärmer. Und die Lämmer größer. Und das Gras noch dichter. Dann ist es Zeit, endgültig auf die Weiden zu wechseln und wir alle bleiben auch des nachts draußen. Zu der Zeit tummeln sich auch die Menschen immer öfter draußen. Und außer unserem Menschen sehen wir dann wieder viele, die geschäftig umherlaufen und sonderbare Dinge tun, wie in der Erde wühlen zum Beispiel oder in großen grünen Kisten durch die Gegend rollen. Die braune Erde fängt an, sich mit Pflanzen zu bedecken und überhaupt wird es rundherum grün und bunt. Die Tage werden länger, die kühlen sternenklaren Nächte seltener und manchmal brennt die Sonne schon vom Himmel, dass wir uns auf schattige Plätze verziehen müssen. Zu der Zeit haben wir nämlich immer noch unsere lange Wolle am Körper und die Wärme, die beim Kauen und Verdauen des Grases entsteht, wird von dieser dicken fluffigen Schicht festgehalten, was bei uns schon recht früh dazu führt, dass es unerträglich heiß wird. Auf jeden Fall unerträglich heiß unter unserer Wolle.

Lolas Winterwolle
Lolas Winterwolle, noch Lammwollfarbe

Die Menschen haben dann bereits schon die dicke Kleidung abgelegt und laufen beschwingt durch sommerliche Tage voller Vogelgezwitscher. Wir können das nicht. Selbst unsere wilden Verwandten, die Rehe und Hirsche können ihr Winterfell abwerfen und laufen im luftigen Sommerkleid am Waldrand entlang. Wir sehen das immer von unserer Weide aus und sind furchtbar neidisch. Die haben es gut. Die haben es kühl.

Damit wir in dieser Hitze nicht irgendwann umfallen, denn die Wärme staut sich unter unserer Wolle, sind wir darauf angewiesen, dass unser Mensch den anderen Menschen holt und uns dann im Stall von unserem Winterpulli befreit. Dafür muss schon genug neue Wolle von unten nachgeschoben haben, denn umso leichter geht dann das Frisieren. Und so werden wir jeden Tag zur Zeit der Schur von unserem Menschen argwöhnisch beäugt, wann denn nun der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

Und dann geht es los, wie ihr hier sehen könnt zum ersten Friseurabenteuer in meinem Leben:

links vom Friseur, rechts auf dem Weg dahin. Immer schön Ordnung im Gang halten…

Was soll ich sagen, die Prozedur an sich ist nicht besonders angenehm. Man wird auf den Popo gesetzt, was wir an sich nicht so gerne mögen, dann ist es laut, weil das Gerät so knattert und rattert und kitzelige Metallkämme uns die Wolle vom Körper schieben. Dazu wird man festgehalten von einem Menschen, der vor Anstrengung selbst ganz warm und hitzig ist, alles riecht anders als auf der Weide und man muss sich bemühen still zu halten, damit das ganze schnell vonstattengehen kann. Die Älteren von uns kennen das schon und erwarten sehnlichst den sommerlichen Friseurtermin. Nach der Schur dürfen wir aufstehen, uns schütteln und da ist es dann. Dieses herrliche Gefühl von einem kühlen Luftzug auf der Haut, das Gefühl, 2 bis 3 Kilo leichter davonspringen zu können und die Beweglichkeit, die bis dahin von der Wollmatte erdrückt wurde. Manche von uns verleitet das zu einem entzückten Hüpfer, mit dem wir von dem Maschinchen davonspringen und wieder in der Herde untertauchen.

die letzten Züge….

Und dann, nach Ende eines langen Tages für uns und die Menschen, dann erst der wahrliche Genuss. Das erste Mal wieder auf der Weide, ohne sofort in den Schatten rennen zu müssen, wenn die Sonne rauskommt, das erste Mal wieder genüsslich Gras knabbern dürfen, bis der Bauch prall gespannt ist und Freudensprünge über die Wiese zu machen. Das erste Mal wieder ohne den Winterpulli.


Schur der Mutterschafherde – mittendrin Lola, die schon eine junge Schafdame ist

Im Mai oder Juni werden die Mutterschafe geschoren, denn die haben schon zemlich lange Wolle, machen gerade noch Milch für ihre Lämmer und haben eh schon ganz schön viel zu tun, da brauchen sie auch ein luftiges Hemdchen, um nicht bei der ganzen Arbeit und Sonne einen Hitzestau zu erleiden. Ebenso alle anderen älteren Tiere, die des Winterfells entledigt werden sollen. Im Sommer dann sind die Lämmer des Jahres groß genug, um genügend Wärme zu produzieren und dann werden auch sie zum ersten Mal geschoren, was meist noch aufregender ist als die Schur der Mütter – einfach weil die Lämmer so aufgeregt sind, wenn sie das erste Mal geschoren werden. Aber so gewöhnen wir uns schon früh daran, dass es einmal im Jahr zum Friseur geht – außer bei den besonders wolligen Schafen – die müssen zweimal. Aber am Ende ist das nicht schlimm für uns, im Gegenteil, nach der Schur sind wir immer wieder froh darüber, nicht mehr unter dicken Lagen Wolle hecheln zu müssen. Bis zum nächsten Herbst wird es ausreichend nachgewachsen sein, so dass die kalten Nächte, die später kommen werden, uns auch nichts ausmachen.


Lämmerschur im August, bei den Müttern ist schon wieder Wolle nachgewachsen

Und während wir Mähdels so leicht bekleidet unseren Sommerurlaub genießen und zwischen Grashalmen, Kräutern und Blumen rumgammeln, liegen unsere Wintervliese fein säuberlich zusammengerollt auf dem Hof. Unser Mensch mag unsere Winterpullis. Aber in der heutigen Zeit – sagt unser Mensch – haben die Menschen wenig Verwendung für Wolle. Die meisten Winterpullis von Schafen werden einfach weggeschmissen, weil es so viel Kleidung und Stoff aus künstlich hergestellter Faser gibt. Dabei schenken wir unsere Wolle unheimlich gerne den Menschen, die uns das ganze Jahr über versorgen. Wir haben ja eh keine Notwendigkeit mehr dafür und schließlich wächst der neue Pulli ja bereits nach.

Lola vorne, links dahinter ihre Schwester Lotte, beide im erwachsenen Schafvlies, ein paar Wochen nach ihrer ersten Schur

Und unsere Wolle? Die lässt sich wohl zu Dingen verarbeiten, die die Menschen brauchen können, um sich zu wärmen, zu Decken zum Beispiel oder dicken Teppichen für warme Füße an kühlen Abenden, so wie sie jetzt wiederkommen. Hab ich das nicht zu Anfang gesagt? Es gibt nichts Schöneres, als an kalten, sternenklaren Nächten von einer duftenden wohligen Wollschicht gewärmt zu werden. Das wissen wir Schafe schon seit uralten Zeiten.

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