Die Schäferin vom WeidenHof

Nebla und die Nebelschafe

Spiellamm und Mutterliebe

Lämmer sind witzig. Sie rotten sich zu kleinen Grüppchen zusammen, die während des Tages oder auch mal des Nachts immer sanft fließend variieren. So werden die Gruppen immer mal kleiner und größer. Es gibt zwar ausgeprägte Freundschaften, auch schon unter Lämmern, aber da man alle ja noch nicht ganz genau kennt, geht man als Lamm immer mal hierhin und dorthin. Und dann werden alle Schafverhaltensweisen gründlichst erprobt. Nasen aneinanderhalten, Schieben, Anlauf nehmen, Bocken, mit den Klauen scharren, Aufspringen, Anrempeln und manchmal gibt es regelrechte Rennanfälle. Das fängt dann meist in einer kleineren Gruppe an und scheint so höchstgradig viral zu wirken, dass die rennende Lammwelle während des durch den Auslauf Rauschens immer größer wird. Scheinbar abrupt brandet die Welle, alle schauen sich um und starten wie durch ein verabredetes Zeichen in die andere Richtung wieder los. So hat man als Schäferin während der Lammzeit ausgiebig Gelegenheit, immer mal schmunzelnd die galoppierende Meute zu beobachten. Witzig wird es, wenn bei der Nachtkontrolle, wenn die Mütter dösen wollen, in der Dunkelheit ein Getrappel von hundert kleinen Klauen hörbar wird. Dann weiß ich, dass die Lammwelle wieder tobt.

Rennspiele…

Lämmer schließen sich zum Kindergarten zusammen, heißt es in der Fachwelt. Ja, wir Menschen und die Schafe sind gar nicht so unähnlich. So wie Kinder wollen auch kleine Lämmer zusammen spielen. Und tun es ausgiebig, wenn sie genügend Platz dafür haben und es ihnen gut geht.

Hüpfspiele…

Rennspiele mit Anführerlamm….

Genauso wie bei den Menschenkindern gibt es auch unter den Lämmern die unterschiedlichsten Persönlichkeiten. Da gibt es freche kleine Schlitzohren, die immer mal wieder bei einer anderen Mutter versuchen, Milch zu stibitzen, wofür sie manchmal auch eins drauf bekommen, je nachdem, wie schnell sie beim Erwischt werden wegrennen können. Es gibt „Rudelführer“, die immer dieselben Lämmer um sich scharen und den Ton angeben, was jetzt gemacht wird. Es gibt anhängliche

Kuschelhaufen

Geschwister, die immer im Schlepptau ihrer großen Brüder unterwegs sind, es gibt ausgesprochene Forschergeister, die alles ausprobieren,  überall draufklettern und alles anknabbern und auch schon mal den Stromzaun mehrmals testen müssen und es gibt kuschelige sanfte Lämmchen, die immer   gerne inmitten eines großen Haufens dösen,  wo es schön warm ist.

Geschwisterkuscheln

Und es gibt die kleinen, zarten, die meist eng bei Mutti stehen, in der langen Moorschnuckenwolle eingewickelt, als würden sie am Rockzipfel hängen und von der sicheren Warte aus ein wenig neugierig die anderen Lämmer betrachten. Auch unter denen gibt es jeweils verschiedene Typen. Die einen sind von sich aus so schüchtern und sanft, dass sie Mamis Sicherheit nicht gerne verlassen und meist nur mit ihren Müttern unterwegs sind. Das sind auch die, die dann bei Mutti unter der Wolle Zuflucht suchen, wenn die Lammwelle angetobt kommt. Dagegen manche von ihnen würden gerne mittoben, dürfen aber nicht. Sobald sie die ersten zaghaften Schritte machen und sich mal ins Geschehen hineingeben wollen, ruft Mutti sie aufgeregt zurück und hält sie an kurzer Leine. Das Lamm steht dann mit gesenktem Kopf da, ordnet sich wieder neben Mama ein und scheint mit jeder Wollfaser zu sagen „Och menno….“ Ein trübseliger Blick zu Mama hoch und dann gehts weiter im Lernen des Schaflebens. Auch Schafmütter scheinen manchmal Streber-Lämmer heranziehen zu wollen.

Esther und ihr strenges Mutterdasein kann so manche Spielverderberei sein

Ja, auch die Schafmütter sind eben sehr unterschiedlich in ihren Erziehungsstilen. Zwischen Fiona und Sonja zum Bespiel liegen Welten. Fiona hatte es schon bei der ersten Lammung recht schwer, sich in ihre Mutterrolle hineinzufinden. Als sie mit ihren ersten Lämmern damals nach den obligatorischen drei Tagen (die sich bei ihr aus Mutterschafts-verwirrungsgründen etwas verlängert hatten) aus der Box gelassen wurde, hatte sie doch glatt ihre Lämmer vergessen und stapfte glücklich auf die Raufe zu. Endlich wieder nach Belieben selbst fressen. Oh! Mist, da war doch was… aber wenn ich nur wüsste, was es gewesen sein sollte…. und sie grübelte, bis ihr nach einem kurzen Moment einfiel – ach, ich hab ja Lämmer! Moment, wo warn die nochmal? Und so ist es im Prinzip geblieben. Fiona hat sich mittlerweile damit abgefunden, dass Schaf einmal im Jahr Mutter wird, allerdings fällt ihr nach Beendigung des Leckerbissens oder nach Einkehr von Ruhe im Stall auf, dass sie doch eigentlich… und dann rennt Fiona verwirrt blökend, fast grölend durch den Stall, schnüffelt hier und da Lämmerpopos und ruft solange, bis sie bei ihren eigenen Lämmern angekommen ist.

Liselotte – ein sehr witziges Schaf – erstaunt, dass ihre Lämmer genauso witzige Aktionen machen und ihren Mittagsschlaf in der Futterschale abhalten.

Sonja dagegen hört man äußerst selten. Aber wenn man sie hört, dann zerreißt es einem das Herz. Sie schreit verzweifelt und egal, was ich gerade tue, wenn ich DAS höre, weiß ich, es ist Sonja und es muss etwas passiert sein. Sonja trappelt dabei auch nicht durch den Stall wie Fiona, sondern rennt panisch von einem zum anderen, sodass die langen Moorschnucken-Locken fliegen. Meist lasse ich dabei alles stehen und liegen, was ich gerade tue, mir entfährt ein aufgeregtes „Sonja!“ und ich sprinte in ihre Richtung, um auszumachen, wo sie verstärkt sucht und welche „Lämmerfallen“ dort sein könnten. Manchesmal konnte ich schon ihr Lamm retten, welches hinter die Gatter gepurzelt war und nun hilflos erschreckt zu Mami hochstarrt, selten ist das, weil sie meist sehr gut aufpasst. Oder ihr Lamm war dann doch mal so abgefüllt mit guter Milch und sie selbst ein klein wenig verträumt, so dass sie es unbeabsichtigt verloren hat. Passiert auch äußerst selten. Aber wenn, dann fällt es ihr meist in Sekundenbruchteilen ein und sie legt einen Sprint rückwärts hin, der seinesgleichen sucht. Wir haben solche Situationen meist auch zuammen in kurzen Augenblicken geklärt und ich höre Sonjas Stein vom Herzen plumpsen. „Ach Sonja,“ sage ich dann meist, „da war das arme Lämmchen kurz weg…! Gut, dass es wieder da ist.“ Und dann muss ich sie immer anlächeln und freue mich sehr über eine solche liebe Schafmami. Sie kuschelt auch immer ausgiebig mit ihrem Lamm und scheint es durch dieses enge Band, was sie aufbaut, auch recht problemlos in ihrer Nähe zu halten, sodass sie auch, wenn es später mit den größer gewordenen Lämern auf die Weide geht, stets immer mit ihrem Lamm Seite an Seite ohne Störfälle brav mitten in der Herde mitkommt. Bei Sonja und ihren Lämmern ist immer alles einfach friedlich und liebevoll, so dass ich kaum stören möchte.

Lina – meist sehr interessiert, was im Stall so vor sich geht. Oder ob man demnächst die Frau Schäferin überfallen könnte, da sie mit einer Schubkarre Leckereien vorbeikommt…. Evolutionär sinnvolles Verhalten muss an die Kinder weitergegeben werden.

Banou hatte ich ja schon einmal erwähnt, die ihre Lämmer immer mit bester Schafmilch anködert und sehr selbstbewusst durch die Gegend zieht, da sie weiß, ihre Lämmer werden dem weißen Gold überall hin folgen. Sie ruft fast nie nach ihren Lämmern, manchmal, im normalflüssigen Gesprächston sozusagen, so wie man Schaffreundinnnen die neuesten Herdengeschichten zuruft. Aber ansonsten ist sie eine der souveränsten Mütter, die in der Herde leben. Nuran hingegen scheint immer ein wenig stolz zu sein, so als wüsste sie, dass sie immer ein ganz besonderes weibliches Lamm hervorbringt. Als Tochter der Urschäfin der Herde steht ihr das ja schließlich auch zu. Und mit diesem Bewusstsein ihrer aristrokratischen Herkunft stöckelt sie manchmal durch den Stall und ruft ihre Kinder mit erhobener Nase und weit offenen Kulleraugen hinter sich her, als würden die Damen nun einen Spaziergang unternehmen. Die Mädchen nehmen sich irgendwie so eine wundersame leicht hochnäsige aber dennoch liebenswerte Art dabei an. Am liebsten laufen sie neben der hochbeinigen Mama, aber es wird auch ausgiebig mit den anderen Lämmern getobt. Und immer, wenn sie in der Lammwelle erschienen, stehen sie hoch erhobenen Kopfes, bis auch alle anderen Lämmer sie wahrgenommen haben. Oft geben sie recht bald die Richtung der Lammwelle an und fliegen auf ihren grazilen und kräftigen Lämmerläufen dahin. Freya hingegen fällt manchmal kaum auf. Sie ist ein sehr soziales Schaf, welches sich gut in die Herde einfügt und meist immer „gute Kontakte“ hat. Ich sehe sie kaum Rangordungskämpfe austragen, aber sie lässt sich auch nicht einfach so zur Seite schieben. Und so ist es mit ihren Lämmern. Sie scheint gut zu dosieren, wann sie noch sehr klein sind und große Aufmerksamkeit brauchen und ab wann sie nun langsam in ein Alter wachsen, indem man sie als Mutter auch mal machen lassen kann, damit sie Selbständigkeit lernen. In Stresssituationen ist sie dann allerding immer da und behält ihre Lämmer bei sich, beruhigt sie und sorgt dafür, dass die Bande dann recht bald wieder frohen Mutes weiterläuft. Nettes Schaf.

Wenn es rausgeht auf die Weiden und die Lämmer schon so circa 12 Wochen alt sind, ändert sich das Bild etwas. Die Lämmer werden eifrige „Minischafe“ und raspeln fleißig die Weide mit ihren Müttern um die Wette kurz.

Trudi lehrt ihr Lamm das anständige Grasen

Zwischendrin kitzelt sie nochmal der Spieltrieb und sie fangen ein paar Renn- oder Rempelspiele an. Aber man merkt deutlich, wie sie „große Schafe“ werden wollen und selbst auf ihren Gesichtern vollzieht sich dieser Wandel zur Selbständigkeit, sodass sie zwischen den Alterstufen manchmal schwer wiederzuerkennen sind. Im Herbst zeigt sich wieder etwas anderes, sie haben sich dann bereits verselbständigt, sind schon junge Damen oder Halbstarke, die man von der Damenwelt erstmal fernhalten muss, will man nicht interesante Überraschungen erleben, aber sie haben noch keine „Aufgabe“, müssen nicht „produktiv“ sein und dürfen nach Herzenlust die herbstlichen Weiden genießen. Dabei wird ausgiebig auf der Wiese gedöst, an leckerem Blattwerk rumgeknabbert, als würden Teenager eine Tüte Chips mampfen und sie lassen sich immerwieder zu Rennspielen hinreißen, die sie seit der Kindheit miteinander kennen.

auch eine anständige Mittagspause will gut geübt sein…. hier bei Banou und ihren Dreien

Nur, dass sie nun viel größer sind und ihre langen zarten Wolllocken in den Herbststürmen wehen und sie in ihrer Kraft der Jugend recht verwegen aussehen können. Wenn die jungen Damen dann im Frühjahr nach der Ablammsaison wieder zu ihren Müttern in eine große Herde kommen, kann man bei Nuran meist den Stolz in den Augen sehen, wieder ein so vielversprechendes Jungmutterschaf hervorgebracht zu haben, welchem sie dann im darauffolgenden Winter zeigen kann, was es heißt, eine gute Mutter zu sein.

 

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

© 2020 Die Schäferin vom WeidenHof

Thema von Anders Norén