Die Schäferin vom WeidenHof

Nebla und die Nebelschafe

Lammzeit mal wieder

Herrjeh! Da sind wir nun gerade mal drei Wochen dabei und zwei Drittel meiner kleinen Herde hat schon abgelammt. Die Mähdels legen sich dieses Jahr ordentlich ins Zeug, aber auch in allem, was geht. Ich habe noch nie parallel Zwillinge aus zwei Müttern gezogen, aber man muss ja alles mal erlebt haben…

Aber nun mal der Reihe nach. Alles fing mit Mell an. Sie begann, sich sehr merkwürdig aufzuführen. Das tun Schafe ja manchmal, wenn die Geburt herannaht, aber Mell trieb es im wahrsten Sinne des Wortes recht bunt. Während alle Mütter – sie selbst ja schließlich eingeschlossen – schon kugelrund durch den Stall schwankten und sich im langsamen Dreivierteltakt zur Raufe begaben und noch gespannte, selige Ruhe vor dem Strum herrschte, kam Mell angerannt mit einem kecken Ausdruck im Gesicht und überfiel die schlendernden Schafe. Sie schnüffelte Hinterteile und begann, überall aufzureiten. Die anderen Mähdels waren teilweise sehr überrascht, denn wir hatten noch nie ein derart promiskuitives Schaf in der Herde, besonders nicht zum Zeitraum der Geburten. Nachdem sie sich wieder gefangen hatten, wälzten sie etwas empört die aufdringliche Mell von sich runter, hatten aber keinerlei Ambitionen, in ihrem vorgeburtsgebendem Zustand noch irgendetwas mehr dazu zu sagen.

Was soll man da als Schäferin machen? Etwas ratlos und stirnrunzelnd stand ich da, schimpfte ein bisschen mit Mell, sie solle doch nicht so übergriffig sein, aber ich sah recht schnell, das es keinen Sinn hatte. Der Trieb war einfach zu groß. Und zugegeben, ein bisschen witzig war es schon, wie sich ein Dickbauchschaf auf ein anderes Dickbauchschaf wuchtet… Zum Glück währte diese Phase nicht lange und Mell hatte sich wieder ihrer Traglast ergeben. Kurz darauf wurde es ernst. Nebla, die Urschäfin der Herde, kam eines abends bei mir vorbei und ihre sonst so gleichmütig halbgeschlossenen Augen und ihr robustes, beständiges Dasein im Meditationskauen zum geistigen Herdengeschehenkontrollieren waren einem wachsamen Gesichtsausdruck und weit offenen Augen gewichen. „Alles klar, geht los.“ sagte sie kurz und knapp, vergewisserte sich, dass ich ihre Botschaft wahrgenommen habe und rannte weiter. Sie war einem Schaf auf der Spur und ich sah, dass sie zielstrebig auf Mell zusteuerte. Dort angekommen, blickte sie zu mir zurück, wie um mir zu zeigen, dass Mell die erste sein würde. „Oh, Nebla, Mell ist dran?“ fragte ich noch. Ein aufgeregtes Nicken und ein Blick von Nebla zu der baldigen Mama. Allerdings machte Mell noch keine Anzeichen, dass es schon sehr weit fortgeschritten war mit Geburt und ich wusste, ich kann nochmal schlafen gehen. „Ok, dann pass mal auf Mell auf, ja?“ „Mach ich, kein Ding.“ und Nebla folgte Mell aufs Hinterteil, die ihrerseits gerade den Stall Richtung Auslauf verließ. Auf Nebla ist Verlass. Immer.

Am nächsten Morgen erwarteten uns dann überraschenderweise doch schon zwei hübsche schwarz-weiße Lämmer und eine frohe und sehr selbständige, frisch gebackene Mutter. Alles fertig, Lämmer trocken, Lämmer tranken, Nachgeburt raus. Wow.

Die glückliche Mell mit ihren ersten Lämmern

Einzug in die Wochenbett-Box…

Mell ist eine wunderbare Mutter, sie liebt es, Lämmer zu haben und dieses sonst so sanfte Schaf hatte sich durch ihr Geburtserlebnis nochmal gehörig entwickelt. Sie scheint noch viel selbständiger, erwachsener und hat doch nichts von ihrer anhänglichen und liebevollen Art Menschen gegenüber eingebüßt. Bei ihr haben mich meine eigenen Kreuzungsexperimente sehr positiv überrascht. Sie ist ein Moorschnucken-Milchschaf-Mix und hat Lämmer von einem Berrichon-Bock bekommen. Die Lämmer sind rund und moppelig, Mell hat viel Milch und ist eine fürsorgliche Mutter. Sozusagen das Beste von allem in dieser Familie. Mittlerweile ist sie schon sehr abgesogen, normal nach fast drei Wochen Milch für zwei kräftige, vitale Welterkunder mit viel Durst auf „Zwischenmahlzeit“. Das ein oder andere mal hatte ich den Eindruck, sie lässt den Kopf ein bisschen hängen, denn es ist schon recht anstrengend, die ganze Zeit Lämmer zu versorgen und im Blick zu halten, aber sie verliert nie ihre fröhliche Zuversicht. Ich versuche, Mamis wie Mell einfach durch gutes Futter, ausreichend Mineralfutter, immer wieder Konditionskontrolle, evtl. ein paar Zusatzvitamine und gemütliche Ruheplätze zum ausgiebigen Wiederkäuen zu unterstützen. Wenn es dann demnächst losgeht mit den aufkommenden Weiden, wird das alles auch wieder besser, das frische Grün wird den Mamis gut tun. Den „Absacker“ nach den Geburten gibt es immer, die Mütter sind alle abgesogen und sonst so kräftige Rücken fühlen sich auf einmal knochig an. Kurze, eiweißreiche Weiden, Parasitenkontrolle und noch weiterhin ein bisschen Getreide tut da oft Wunder. Bis dahin müssen wir das immer gemeinsam aushalten, denn ich werde irgendwann auch nervös – welche Mutter weiß nicht, wie ausgelaugt man sich fühlen kann, wenn man einen hungrigen Säugling ernährt.

… hier gibt es erstmal gutes Futter, Ruhe und eine zeitlang Überwachung, ob alles gut anläuft.

Nach ihr kam Mira dran und gebar ebenso problemlos ein Halb-Berrichon-Lamm. Sie selbst ist eine reine Moorschnucke und hat das alles nach Moorschnuckenart ganz fantastisch gelöst. Auch sie ist ganz begeistert von ihrem Lamm, ihre Kondtion ist sogar noch recht gut, da sie ja nur ein Lamm hat, welches aber beständig immer kugelrunder wird. Das sind die Lämmer, bei denen man manchmal denkt, sie werden irgendwann zum Ballon und fangen an, in die Lüfte zu steigen. Dann nimmt man diese Lämmer einfach mal hoch und merkt – äh, nee, geht gar nicht, viel zu schwer…

Und ab dann ging´s für uns hier los. Schlag auf Schlag kamen die Geburten, immer wenn man in den Stall guckte, hechelte jemand anderes. Nachtschichten bis 5 Uhr morgens keine Seltenheit und zwischendurch die erschreckende Erkenntnis: ich hab gar keine Gatter mehr für neue Boxen! Also zusammengeklaubt, was der andere Stall hergab, Strinlampen alle aufgeladen und Ärmel hochgekrempelt. Denn die folgenden Geburten waren zum Teil nicht so problemlos und ein beständige, aufmerksame Geburtenüberwachung wurde notwendiger denn je.

Lämmer purzelten nur so…

Nicht nur bei den Berrichon-Kreuzungen kam es zu Komplikationen, selbst die Schnucken hatten dieses Jahr den Schalk im Nacken und ihre Lämmchen hingen nur mit einem Fuß raus oder gar nur mit dem Kopf, die Füße beide nach hinten. Na toll. Meist entscheide ich nach Gefühl, wie ich weiter vorgehe. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Ich weiß, dass Lehrbücher sagen, man solle Lämmer, die nur mit dem Kopf rausgucken, zurückschieben und versuchen, die Vorderläufe nach vorne zu bringen, damit es lehrbuchmäßig weitergeht mit der Geburt. Schön – allerdings habe ich Lehrbücher noch nie Geburtshilfe leisten sehen und die meisten Schäfer, mit denen ich das Thema schon durchkaut habe, rollen immer wieder die Augen und sagen dasselbe. Du musst halt sehen, was grad geht und was nicht. Eben. Ich habe ein Schaf vor mir, bei dem ich ganz lehrbuchmäßig und lebenserfahrungsmäßig weiß, dass es voller Hormone gepumpt ist, dass es eventuell schon einige Zeit mit Wehen beschäftigt ist, dass die Eröffnungsphase, in der der Muttermund geweitet wird,  genau wie bei uns Menschen Schmerzen bereitet hat, dass es – Schafe sind ja nicht doof – erwartungsvoll sein Lamm in Empfang nehmen möchte, aufgeregt ist und selbst spürt, dass irgendwas nicht stimmt. So wie oben beschrieben sind auch Schafe Individuen mit einer eigenen Persönlichkeit, Gefühlen – positiven wie negativen -, haben Ängste, Sorgen, spüren Freude und Trauer. In dem Moment werde ich also zur Hebamme, die mit medizinischem Wissen, sowie psychologischer Geschicklichheit handeln muss, um Mutterschaf und Lamm möglichst schnell, kompetent und sicher durch diese heikle Phase zu führen.

Was ich also immer tue, ist erstmal das Schaf vorsichtig auf die Seite zu legen, denn gerade Schnucken lassen sich nicht so gerne irgendwo rumfummeln. So habe ich die Mutter unter Kontrolle und einen besseren Blick auf das Geschehen unter der langen Wolle. Vorsichtig fühle ich also über dem Kopf des Lammes in das Schaf hinein und meine Hand löst dann ganz automatisch erneute Wehen beim Muttertier aus. Durch das Pressen der Mutter wird mir das Lamm in die Hand gedrückt und ich kann fühlen, wie die Vorderläufe liegen. Manchmal reicht das schon, um an den zweiten Vorderlauf heranzukommen. Wenn nicht, warte ich, bis bei einer Wehenpause, in der das Lamm dann zurückrutscht, ich diesen Vorderlauf vom Lamm innerhalb des Schafes hervorziehen kann und die zweite kleine Klaue wird sichtbar. Dann ist es oft ein Kinderspiel. Beide Füßchen schön nach vorne, das Köpfchen drauf und wieder manuell Wehen auslösen und das Lamm rutscht mir langsam in die Hand. Das Lamm hilft seinerseits auch mit, es bewegt sich und wenn die Mutter presst und das Lamm schiebt, ziehe ich mit dieser natürlichen Kraft mit, wobei die Vorderläufe erst ein wenig nach hinten weggezogen werden und dann sofort der kleine Lammkörper so gezogen wird, als würde er vom Schaf „runterplumpsen“. Besser kann ich es gar nicht beschreiben. Es ist halt was, was man einfach so tut, weil man es schon x-mal gemacht hat. Sobald die Schultern durch sind, pladdert das Lamm nur noch so raus und ich nehme es mit der anderen Hand in Empfang und lege es sofort dem Mutterschaf vor die Nase. Beim Rausrutschen reißt die Nabelschnur und die Sauerstoffversorgung des Lammes wird unterbrochen. Jetzt heißt es: atmen! Das ist dann noch ein kleiner kritischer Moment, je nachdem, wieviel Schleim und Fruchthülle noch vor der Nase des Lammes ist. Entweder es ist schon relativ sauber und fängt auch an, den Kopf zu schütteln – auch ein instinktives Verhalten, um schleimige Reste aus der Nase zu bekommen – und das Mutterschaf leckt eifrig den Kopf des Lammes sauber, wobei sie Reste der Fruchthüllen auffrisst. Manchmal ist das Mutterschaf aber zu erschöpft, weil die Geburt schon so lange gedauert hat und braucht einen kleinen Moment, um zu realisieren, dass ihr Lamm nun vor ihr liegt oder das Lamm ist noch völlig in der Fruchthülle eingeschlossen oder übermäßig mit Schleim bedeckt. Auch da gibt es Schäferhebammen-Abhilfe. Mit einem ganz bestimmten Griff und Druck wird der Schleim mehrmals nach vorne über die Nase weggezogen und mit dem kleinen Finger aus der Mundhöhle gestrichen. Dabei öffnet es meist zum ersten Mal den Mund und setzt zum ersten Atmen an. Manchmal wirkt das wie die Rettung eines Ertrinkenden, der nach Luft schnappt. Manchmal brauchen auch die Lämmer einen ganz schön langen Moment, bis sie das tun und ich muss sagen, dass es immer wieder komisch ist, so ein kleines, schleimiges, warmes, lebendiges Etwas vor sich liegen zu haben, welches keinerlei Atembewegungen zeigt. Da wird einem schon ein bisschen anders, besonders, wenn es dazu noch so schlapp in den Seilen hängt. Mit ein bisschen sauberem Heu kann man entlang der Wirbelsäule den Rücken hoch- und runterstreichen, das Lamm kräftig abrubbeln, auch das regt die Atmung an. Natürlich darf man das nur machen, wenn bereits die Nase und das kleine Mäulchen frei sind.

Das sind die einfachen Geburtshilfe-Aktionen und Mutterschaf und Lamm liegen dann erstmal ganz in Ruhe nebeneinander, dürfen die Geburtsaufregung vergehen lassen, während die Mutter das Lamm weiter säubert und mit ihrem typischen Muttergrummeln anfängt. Meist ziehe ich mich dann aus dem Geschehen, wenn das Lamm gut atmet, immer wieder den Kopf schüttelt und sich langsam die Ohren entfalten. Ich plumpse meinerseits erleichtert ins Stroh, falte mir eine Zigarette und beobachte ein Weilchen. Irgendwie schaffe ich es nie, nicht wie ein Honigkuchenpferd zu grinsen und ganz entzückt zu sein, wenn das gerade geborene Lämmchen dann zum ersten Mal „mähhähä“ macht mit seinem zarten Stimmchen….

Wilmas Lamm: sichtlich pikiert über den gelblichen Matsch, der die Frisur ruiniert…

… ein paar Tage später: die Frisur sitzt, allein die Tönung hätte etwas dezenter sein könen.

Aber was gab es noch für Geschichten diesmal! Wilja zum Beispiel, die ich den Tag über beobachtete und wusste: an diesem Abend bei der Spätschicht kommt es. Im Stall angekommen stand Wilja da auch ganz aufgeregt mit Mutteraugen, suchte auf dem Boden und rannte umher und ich wusste, da war was. Aber kein Lamm zu sehen. Sie schnüffelte verzweifelt an vorbeikommenden Lämmern und ich war verwundert. Beim Näherkommen sah ich, dass ihr Lamm schon mit dem ganzen Kopf raushing, am Hals aus dem Schaf baumelte, welches doch tatsächlich dachte, das Lamm sei schon geboren. Ohhh nein, Wilja, das steckt doch noch drin!! Hingesprintet – Wilja ist ein großes dickes Kampfschaf wohlgemerkt – und versucht, sie zu erwischen. Ihr zwackte es wohl am Hinterteil, weswegen sie versuchte, den Popo am Stallgatter zu schubbern. „Neeiiin! Wilja, lass das sofort sein! Bist du verrückt, du zerquetscht dein Lamm!“ Wilja geschnappt und keuchend und ächzend das wilde, verwirrte, gebärende Schaf in die Box gezerrt, immer in der Hoffung, dass sie mich mit einem Ruck nicht umschmeißt und davonrennt. Der Weg in die Box war ganz schön lang… Dort angekommen, das Schaf auf die Seite gewuchtet – ging leider nicht sanfter – und gefühlt. Was macht man nun mit einem Schaf, welches vergessen hat, weiterzupressen, riesengroß ist, sofort weglaufen möchte und nur auf den Boden getackert werden kann, wenn man beständig Wehen auslöst? Man zieht das Lamm raus, so wie es ist und pfeift auf Lehrbücher! Also habe ich mir die Ärmel hochgekrempelt, bin auf besonders tiefe Tuchfühlung gegangen (zum Glück war sie schon zweimal Mutter) und habe versucht, irgendwas zu erwischen, an dem ich dem Lamm nach draußen helfen kann. Natürlich darf man keinesfalls am Kopf ziehen, sonst bringt man das Lamm gleich um. Ich fand recht schnell die Schulterblätter, an denen ich das Lamm nach vorne schieben konnte und arbeitete mich Milimeter für Milimeter vor, bis wir eine Barriere überwunden hatten, die mir half, den Widerristbereich des Lammes zu nehmen, um daran zu ziehen. Der einzige Vorteil von dieser intensiven Geburtshilfe war, dass sie intensive Wehen auslöste und Wilja kräftig mitpresste. Auch hier, alles gut, Lamm draußen, pladderadatsch, vor die Mutter gelegt und Wilja fing an, überglücklich zu schlabbern. Herrjeh. Das Riesenschaf und ich…

Wenn das erste Lamm klarkommt und die Mutter verstanden hat, dass alles gut ist, fühle ich nochmal, um mich zu vergewissern, ob noch eins kommen will, denn manchmal vergessen Mütter, die Geburtshilfe brauchten, dass es eigentlich noch weitergehen müsste. Man hat ja schon längst in den natürlichen Ablauf eingegriffen und steht nun in der Verantwortung, alles ordentlich zuende zu bringen. So war es auch bei Wilja. Ein Zweites kam ganz leicht, lag auch viel besser und Wilja hatte endlich ganz viel zu tun, ihre Lämmer zu säubern. Trotz einer gewissen Skepsis, die sie mir gegenüber immer behält, durfte ich daneben in der Box sitzen, überwachen, dass alles gut anlief und sie blieb erstmal liegen, vom Oxytocin-Knaller in einen Liebsrausch versetzt.

Erle zog es vor, ein rein weißes Lämmchen zu gebären – so schön.

Irgendwo stöhnte es schon wieder und ich ging nachsehen. Wanja! Es ging Schlag auf Schlag weiter, sagte ich ja bereits. Wanja presste und presste, aber nichts tat sich wirklich. Beim Aufstehen sah ich, dass irgendwie Füße guckten. Naja, erstmal alles gut soweit, dachte ich. Lass sie mal noch ein bisschen. Eine andere Erstlingsmutter, die noch keinen Namen hat, lag ganz komisch an der Gatterwand, aber schien irgendwie so gar nicht nach Geburt auszusehen. Weder Hecheln, noch hängende Ohren, kein Zähneknirschen, nichts, was sonst zeigt, dass die Mutter gerade mit Wehenarbeit beschäftigt ist. Einzig ein abgespreizter Fuß und eine zu komische Körperhaltung für entspanntes Dösen… Sie machte mich nachdenklich, aber ich wollte noch schnell nach Wilja sehen, ob die Lämmer nun aufgestanden waren und erste Trinkversuche machten. Auf meinem Weg zu Wilja sprang die Erstlingsmutter auf, stieß ein erschütterndes Geblöke aus und rannte in die Ecke, in der Wanja gerade mit Pressen beschäftigt war. Was dann kam, hatte ich noch nie gesehen. Offensichtlich hatten beide Mütter schon Geburtsschleim verloren und tropften so vor sich hin. Die Mütter riechen immer an dem, was sie verlieren, lecken schon ein bisschen daran und legen sich wieder zum Pressen hin. Beide Mütter waren aber plötzlich so verwirrt – die Erstlingsmutter wohl von dem Druck, der durch das Lamm in ihrem Körper ausgelöst wurde und Wanja von der heranspringenden, schreienden Mutter, dass sie beide plötzlich da standen, auf dem Boden suchten – die eine an den Tropfen der anderen roch und beide höchst empört waren, da sie der Meinung waren, die jeweils andere hätte ihr das Lamm oder den Geburtsplatz weggenommen oder beides. Und sie fingen an, mitten in der Geburt zu kämpfen. Sie nahmen Anlauf, senkten die Köpfe und wollten sich gegenseitig verprügeln. Sagt mal, Mähdels, seid ihr jetzt völlig durchgedreht? Ich springe also wieder zurück – ich war noch kaum bei Wilja angekommen – schnappte mir Wanja, da sie offensichtlich weiter war und bugsierte sie in eine der freien Boxen. Die andere uns hinterher und immer schön Attacke!! auf Wanja. Also, Wanja in die Box geschmissen, Klappe zu und blitzschnell nach der andren gegriffen. Nur wohin? Es war nur die Nachbarbox frei und so schnell erreichbar mit der aufgeregten Dame. Also rein da und ebenfalls Klappe zu. Wanja hingelegt und die motzende Dame nebenan ignoriert und siehe da, Wanjas Lamm kam mit Hinterendlage. Also die Hinterfüße zuerst. In all dem Trubel blieb mir gar keine Gelegenheit, zu sehen, wohin die Klauen des Lammes zeigten, denn das hätte mir die Hinterendlage schon verraten. Wenn es eine normale Hinterendlage ist, wie in diesem Fall, ist es auch ok, da man was zum Ziehen hat, nur muss man dann sehen, dass es recht schnell geht, denn die Nabelschnur reißt ja oft schon, wenn der Bauch des Lammes draußen ist und wenn die Nabelschnur reißt, während der Vorderkörper noch im Schaf steckt ist das für´s Atmen etwas ungünstig. Lamm draußen, Schleim weg, Lamm gerubbelt, Wanja putzt, nebenan brüllt es wieder. Also über das Gatter gehüpft, nächste Mutter gelegt, Lamm hängt fest, Lamm routiniert raus, alles in Rekordzeit…. puuuhhh…..

Danach brauchte ich zwei Zigaretten.

Beide Müter hatten noch ein zweites Lamm und alle drei Mütter mussten noch überwacht werden, ob die Lämmer gut trinken, brauchten da etwas Unterstützung und die anderen in den Boxen, die sich unser Spektakel recht amüsiert anschauten, wollten zwischendurch auch noch frisches Wasser, Heu und ab und an musste ein Lamm wieder eingesammelt werden, weil es meinte, es könnte schon Ausflüge in die Nachbarboxen machen. Irgendwann krähten die Hähne drüben und mir war klar, dass die Nacht nun bald zuende ging. Na gut, dann gibt´s eben noch einen kleinen Morgenschlaf, wenn ich hier fertig bin.

Irgendwann muss man halt einfach mal nur pennen…

Und zwischendurch erwischte uns die bittere, lausige Kälte. Moorschnucken sind im allgemeinen recht robust, was Kälte angeht, die Mütter ebenso wie ihre Lämmer. Selbst bei minus 10 Grad fühlen sich Schafe noch wohl, solange es trocken ist. Meine noch tragenden Mütter schliefen gerne noch draußen und ich hatte in den Jahren zuvor schon manche Lämmer, die im Schnee auf die Welt kamen und danach topfit waren. Von der Mutter schnell getrocknet, zum Aufstehen animiert und mit warmer Biestmilch im Bauch bereit, die neue Welt zu erkunden. Aber das hier war was gänzlich anderes. Es wurde so kalt, dass selbst meine Tränken trotz Isolierung einfroren und ich wieder Wasser in Kanistern herbeischleppen durfte. Morgens war der Tränkebottich manchmal einfach mit einem Eisblock gefüllt. Als die Kälte herannahte, wurde ich aufmerksamer, denn gerade geborene Lämmer, die einem intrauterinen Millieu von 38,5 Grad entschlüpfen und auf einen hart gefrorenen Boden klatschen, wo sie, nass wie sie sind, von einem eisigen Wind erfasst werden, haben mitunter einen nicht so leichten Start. Und so hatte es Lillemor und ihr Lamm erwischt. Zum Glück lammte sie tagsüber, wo die Kontrollen noch engmaschiger sind.

Ich erzähle das hier gerne, denn ich möchte zeigen, dass auch blöde Dinge einfach passieren und man selbst nicht vor Mißgeschicken gefeit ist. Zudem arbeiten wir mit und in der Natur. Was also tun, wenn Kälte kommt, wenn Dauerregen die Arbeit erschwert oder Sonne alles unter sich verbrennt? Man kann nur aufmerksam bleiben, immer bereit, blitzschnell zu reagieren und auch mal Dinge umzuorganisieren, wenn die Umstände es nötig machen.

Schon von weitem sah ich also, dass Lillemor da wohl mit Geburt und Lamm zu tun hatte. So, wie sie dastand, sah es nicht nach entspanntem Schaf aus. Aber sie stand regungslos, den Kopf über etwas gebeugt und schien erschöpft. Als ich den Auslauf betrat – ich hatte mich schnellstmöglich auf den Weg zu ihr gemacht – sah ich, dass es eher Verzweiflung war, die in ihrem Gesicht lag. Sie bewachte ihr kleines Lämmchen, welches sich in die Zweige verkrochen hatte, die die Schafe zum Knabbern immer im Auslauf liegen haben, die Beinchen unter sich geklappt hatte und ganz zusammengerollt aussah. Es war fast ganz trocken, aber noch nicht richtig, hatte die Augen halb zu und schien wegzudämmern. Lillemor bewachte ihr erfrierendes Lamm. Entsetzen, Schreck, Selbstvorwurf (wieso war ich nicht eher gekommen???) und Angst überfiel auch mich. Sofort hob ich das Lamm vorsichtig auf. Die Läufe waren allesamt eiskalt und die puschelige Wolle an den Beinchen war mit einer Eiskruste überzogen. Es musste schon einmal getrunken haben, denn Lillemor hatte schon zur Hälfte die Nachgeburt heraushängen. Da die beiden aber schon einige Zeit da gestanden, bzw. gelegen haben mussten, tat sich auch da nichts mehr und der heraushängende Teil der Nachgeburt war am Schaf festgefroren. Ich hielt das Lamm in meinen schützenden Armen, die Atmung war noch da, allerdings zu flach für meinen Geschmack. Lillemor schaute mich mit einem verzweifelten Ausdruck an, bei dem ich mittlerweile weiß, dass auch Schafe sagen können: „Bitte hilf uns!“ Sofort kamen die beiden rein in eine Box, Lillemor machte alles mit und war das liebste Schaf auf der Welt, obwohl sie bis dahin eigentlich immer eher scheu und zurückhaltend war. In der Box angekommen legte ich das Lamm an meinen Körper, um es zu wärmen und schloss die Jacke kurz um das kleine Lamm. Lillemor – das scheue Schaf – blieb mit dem Kopf beim Kopf des Lammes und so saßen wir drei einen Moment lang da zusammen in der Box, alle Köpfe aneinandergelehnt. Lillemor ließ mich gewähren, stampfte nicht, flüchtete nicht, sie wollte einfach nur, dass ich ihr Lamm rette. Nachdem wieder ein wenig Temperatur in ihr Lämmchen gekehrt war, ich das Eis mit sauberem Heu abgerubbelt und die Wolle des Lammes getrocknet hatte, legte ich es vor sie, wo sie es noch mehr lecken, rufen und beschnüffeln konnte. Nur das arme Lamm lag platt wie eine Flunder. Lillemor schaute immer wieder zu mir hoch und stubste wieder ihr Lamm mit der Nase an. Was uns letztlich gerettet hat, war Aconitum in einer hohen Potenz. Zwei winzigkleine Kügelchen davon, beständiges Weiterrubbeln, immer wieder Rückenmassage, um Atmung und Kreislauf anzuregen, Lamm vorsichtig hinstellen, wieder wärmen, wieder hinstellen,… Irgendwann nach gefühlten Ewigkeitsminuten hob es von alleine den Kopf und machte ein kleines leises „mäh„. Lillemor war überglücklich. Zwar plumpste es immer wieder um und bekam noch mehr Massagen und warme Schäferinnenhände um die Läufe, aber irgendwann war es sogar bereit, noch ein, zwei Schlückchen Milch zu nehmen und mit der kam wieder Lebenskraft in das kleine Wesen. Lillemor ließ mich sogar bereitwillig das Lamm an ihr Euter setzen.

Das tapfere kleine Mädchen kämpft sich ins Leben zurück.

Der erste Tag danach war natürlich noch etwas schwächlich, immer wieder weckte ich das Lamm und schob es Richtung Euter, unterstützt von der liebevollen Fürsorge von Lillemor. Nichts ist da heilsamer als viel warme Muttermilch. Es trank und trank und wurde zusehends kräftiger. Die beiden blieben noch ein paar Tage in der Box, da ich Mutter und Lamm gut überwachen wollte, außerdem hatten sie Ausgehverbot, nicht wieder draußen in die Kälte, davon hatten die beiden genug.

Nebla hütet Lämmer hinter der Strohwand, wo nachts zugesperrt und alles mit Decken verhangen wurde.

Diese Geschichte veranlasste mich auch, den Stall ein wenig mehr zu verrammeln, es kamen kleine Strohballen zum Einsatz, um Windschutz zu bauen und nachts wurde zugesperrt, damit keine der Mütter auf die Idee kam, in die dunkle Kälte zu laufen, um dort ihr Lamm zu kriegen. Lillemors Lamm blieb das einzige, was einen derartigen Kälteschock erlitt und heute hüpft es dick und rund mit den anderen im Lämmerkindergarten. Lillemor und ich haben uns miteinander verändert. Das einst so scheue Schaf blickt mich nun freundlich an, wenn ich den Stall betrete. Wenn ich mich ruhig bewege, darf ich sie nun sogar vorsichtig am Kopf streicheln, sie weiß, dass ich mit guten Absichten handle und niemanden im Stich lassen würde.

Und so ging es ohne Unterlass, eine Seite des Stalls war fast komplett dauerbelegt mit Boxen mit frisch abgelammten Schafmüttern drin. Zwei davon waren ganz besonders. Zum einen, weil es besondere Schafe sind und wie es so ist – gerade diese besonderen Schafe auch besonders heftige Geburten hatten. Die erste davon war Nasreen, die sich hinter der Strohwand ihren Geburtsplatz ausgesucht hatte. Wir beobachteten sie schon länger, auch ihre Mutter Nacht begleitet sie und schien ihr immer wieder Ruhe und Unterstützung zu geben. Allerdings zog der eisige Wind trotzdem vom Eingang her ziemlich über die Ecke, in der Nasreen gebären wollte. Mehrere Versuche, sie von dort wegzubewegen – freundlich und mit freundlichem Druck – zeigten keinen Erfolg. Sie kehrte hartnäckig dahin zurück. Es half nichts, da sie schon so lange mit den Eröffnungswehen beschäftigt gewesen war, musste jetzt endlich mal was passieren. Also hockte ich mit meiner Auszubildenden Lotta im eisigen Wind, beide dick eingepackt in Jacken und mehrere Pullover und wir harrten eine zeitlang der Dinge, die da kommen sollten. Oder eben nicht kamen. Nasreen presste und presste und nach den obligatorischen 5 Minuten war es beschlossene Sache, dass wir helfen würden. Allerdings erwartete uns ein relativer Schock, als wir mal unter das Schwänzchen schauten. Da kamen zwar lehrbuchmäßig Füße mit einem Köpfchen drauf – äh – naja, mit einem Riesenkopf drauf. Hallelujah! Schwergeburt. Das Schaf drohte, durch den Druck des Lammes auseinanderzuplatzen. Wer hatte nochmal die „tolle Idee“ mit dem Berrichon-Bock? Wenn ich den erwische… Alles Zetern half nichts, man musste zur Tat schreiten und das zügig und sehr konzentriert und einfühlsam. Ein Dammschutz würde notwendig sein, damit das Schaf nicht gleich den ganzen Darm mit rauspresste, das Gewebe schön weich und dehnbar wurde und ich vorsichtig den Lammkopf da hindurchbugsieren konnte. Lotta holte heißes Wasser, ein sauberes Tuch und durfte unter meinen Erklärungen, was ich da tue und warum, ihre erste Ausbildungs-Schwergeburt miterleben. Es freut mich sehr, dass ich weitergeben konnte, dass man gerade in so einem Moment besonders sanft mit dem Muttertier umgehen muss, es immer wieder zum Mitmachen animiert, denn dann geht es leichter und darauf achtet, in dieser stressigen Situation für Mutter und Lamm sehr einfühlsam und dennoch beherzt zu handeln. Weder verzweifelte Aufregung („Ich krieg das Lamm da nicht raus!!“) noch gefühlloses Zerren am Lamm bringen einen weiter. Im ersten Fall verlängert man das Leiden des Mutterschafes durch unterlassene Hilfeleistung, im zweiten Fall verursacht man unnötige Verletzungen durch unsachgemäße Geburtshilfe, die ein noch viel größeres Leiden des Muttertieres bis hin zum Tod desselben nach sich ziehen können. Es hilft nur, ruhig zu bleiben und konzentriert zu arbeiten. Wir stützten also den Damm mit dem im warmen Wasser getränkten Tuch ab und durch die Wärme konnte sich das Gewebe weiter dehnen lassen. Von innen half ich, die Dehnung zügig, aber im natürlichen Wehenrhythmus voranzutreiben und gleichzeitig durch Massage der Geburtswege, erneute, effektive Wehen auszulösen. Jedes Mal, wenn das Schaf ordentlich presste, versuchte ich den Kopf weiter nach vorne zu bringen, so dass die dicke Augenpartie irgendwann hervorgeschoben konnte. Die Kunst dabei ist, dass die Füße schön unter dem Kopf bleiben müssen, damit eine einfache Geburtshaltung des Lammes erhalten bleibt. Man kann dann abwechselnd an dem einen und dem anderen Vorderlauf ziehen, so dass das Lamm insgesamt langsam vorrutscht. Und so arbeiteten wir uns wieder Milimeter für Milimeter vor. Unser Ausbildungs-Lehrschaf machte vorbildlich mit und hielt sich tapfer. Irgendwann war es endlich geschafft und ein dickes, puscheliges Bocklamm kam zum Vorschein, was wir der Mutter gleich vor die Nase legten, die Atemwege befreiten und dann erstmal von seiner Mutter trockenlecken ließen. Sie war zu erschöpft, um aufszustehen, aber das war schon in Ordnung, denn sie war ansonsten klar und fit, war sehr zufrieden mit ihrem Lamm und dem Verlauf der Lehr-Schwer-Geburt und Lotta und ich sanken ebenfalls erleichtert ins Stroh.

Endlich durch die Mama gequetscht, der arme Kerl…

Es kam noch ein zweites Lamm, auch das musste geholt werden, es war ein Mädchen, zwar nicht ganz so groß wie ihr Bruder, dafür aber auch ordentlich dickschädelig und die vorangegangene Geburt und die Erschöpfung der Mutter bildeten ja eine eindeutige Sachlage, um auch das zweite Lamm zu holen. Es ist schon erstaunlich, wie zäh Schafe sein können. Auch sanfte Schafe wie Nasreen. Nachdem die kleine Familie in einer nicht so zugigen Box ihren Unterschlupf bekommen hatte, wurde gefressen, getrunken, die Lämmer gesäugt, eine Nachgeburt herausgepresst, die bestimmt 1,50 Meter lang war und nachdem alle drei satt waren, erstmal ausgiebig zusammen gedöst.

Nasreen mit ihren neugeborenen Riesenlämmern.

Heute sind alle drei sehr entspannt. Außer, dass die beiden dicken Racker ihre Mutter doch ein wenig auzehren, merkt man nichts mehr von diesem aufregenden Start, im Gegenteil – oftmals liegen sie zusammen sehr gemütlich rum und sind eine der friedlichsten Familien, die wir im Stall haben.

Wohlverdiente Träumerei… Nasreen und ihre Lämmer, wie man sie jetzt oft zusammen findet.

Fehnja hatte das Ganze nochmal überboten und da sie einen Einling hatte, war die Geburt nochmal heftiger, ganz kurz war ich innerlich einmal davor, aufzugeben, aber eben nur ganz kurz. Es war das allergrößte Lamm, was ich jemals aus einem Schaf gezogen habe und alle – Fehnja, Lamm, Lotta und ich hatten ordentlich Stress. Bei ihr ging es auch nicht ganz ohne äußerliche Geburtsverletzungen, die wir aber mit einer Rundum-Wohlfühl-Heilbehandlung nun fast wieder auf ein normales Aussehen zurücktherapiert haben, inklusive Antibiose für das Mutterschaf, da ein derartiger Eingriff meist bakterielle Infektionen nach sich zieht. Sie ist nun fast wieder gänzlich hergestellt und wenn die letzten Krusten abgeheilt sind, darf sie auch in ein, zwei Tagen wieder aus der Box.

Fehnjas Lamm – kaum 24 Stunden alt. Das fertige Schaf aus dem Schaf. Wie bei einer Matruschka – nur leider kriegt man die da leichter raus…

Nebenbei sind noch haufenweise Lämmer problemlos gekommen, nur ein einziges ist gestorben und wir erfreuen uns gerade an einer Bande kräftiger und vitaler, bunt gemischten Lämmern, die den Stall unsicher machen und durch den Auslauf donnern. Es gibt reine Moorschnuckenlämmer und Mischlinge aus Schnucke x Milchschaf x Berrichon oder Schnuck x Berrichon. Es ist sehr schön mitanzusehen, was aus diesen Mischungen für eine hübsche Vielfalt von der Natur hervorgezaubert wird.

links Schnucke – rechts Schnucke x Berrichon

Schnucke x Milchschaf x Berrichon

Schnucke x Milchschaf x Berrichon

alle Misch-Varianten im Überblick

Schnucke x Milchschaf x Berrichon

 

Wie immer ist die Lammzeit für mich unglaublich intensiv. Wahrscheinlich wie für die meisten Schäfer. Nicht unbedingt nur wegen der intensiven Arbeitszeit, der fast Rund-um-die-Uhr-Geburtsüberwachung, der schlaflosen Nächte und dem ständigen Draußen sein in jedem Wetter. Nein, es ist irgendwie wie ein sich immer wieder erneuerndes Band, das ich zu meinen Mähdels knüpfe. Mutterschafe lassen mich ganz nah an sich heran, selbst scheue Schafe entschließen sich manchmal, etwas zahmer zu werden. Durch die vielen Stunden, die ich im Stall verbringe, kann ich sehr viel von ihrem Verhalten, ihrer Kommunikation und ihren Beziehungen untereinander beobachten, ich lerne immer mehr über Schaf-Sprache und Ausdruck, ich baue meine eigenen Fähigkeiten immer weiter aus und kann immer präziser bestimmen, was Mutterschafen und Lämmern besonders gut tut. Wenn wir die Lammzeit dann alle gesund und munter, moppelig und fit überstanden haben, können wir rausziehen auf die frischen Weiden, worauf die Mütter nun schon sehnlichst warten und dann bricht eine blökende und rennende, aufgeregte und noch ein bisschen verwirrte Meute aus dem Stall und ich habe alle Mühe, Muttertiere und Lämmer beisammen zu halten, wenn die einen schon raus sind und die anderen wieder zu ihren Lämmern im Stall zurückrennen. Auf der Weide angekommen ist nur noch, was wir am liebsten sind: eine kleine Schafherde mit ihrer Schäferin und den Hütehunden. Nie ist es so deutlich wie nach einer Lammzeit, denn wieder einmal haben die Schafmütter gesehen, dass sie ihrer Schäferin vertrauen können und jede – bei dem kleinsten Wehwehchen oder der größten Katastrophe – sich darauf verlassen kann, dass es jemanden gibt, der für sie da ist. Und ich bin jedesmal gerührt von dem, was die Tiere zurückgeben. Grundlegendes, ehrliches Binden an den Menschen durch positive Erfahrungen im Alltag – dieses dann bedingungslose Vertrauen, was uns nur die Tiere, die wir liebevoll halten, geben können.

In diesem Sinne wünsche ich allen anderen Schäfern – egal mit wievielen Schafen – eine erfolgreiche Lammzeit, gesunde Mutterschafe und Herden-Harmonie.

 

 

 

 

 

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

© 2019 Die Schäferin vom WeidenHof

Thema von Anders Norén