Die Schäferin vom WeidenHof

Nebla und die Nebelschafe

Weihnachten in den Zwanzigern

Beginnen wir mit einem Wunsch: der sehnlichste Weihnachtswunsch in diesem Jahr wäre, dass mit der Sonnenwende hoffentlich auch mehr Wandel kommt, für uns alle, für die gebeutelte Welt und die erschöpften Menschen. Mit einem Seufzer höre ich von vielen Menschen derzeit, dass sie auf die Jahreswende warten und hoffen, dass es danach wieder ein wenig einfacher wird. Oh ja, das wäre schön. Öffentliche und private Krisen, bis zum Bersten angespannte Beziehungen – oh jeh – was für ein Eintritt in die Diesjahrhundertzwanziger! Schon länger macht mir nicht so sehr das Krisenhafte selbst sorgen, sondern eher die Art, wie wir damit umgehen. Sei es im öffentlichen oder privaten Raum, derzeit gibt es zu viele Menschen, die sich einsam, ungehört, ungesehen, ausgelaugt fühlen. Was machen wir damit?

immer wieder ein schöner Gegensatz – der Frieden bei den Tieren draußen. Wenn die Welt im Chaos versinkt, ist hier die Welt in Ordnung.

Wir können die Welt und das, was uns im Leben begegnet, nicht verändern oder aufhalten. Es fühlt sich an, als sei es schon eine Ewigkeit her, aber das Jahr begann für mich mit dem irrsinnig schmerzenden Verlust meines besten Freundes in Form meines Arbeitshundes. Ok, er war alt, ja, es ist nichts Dramatisches. Lebewesen werden alt, krank und sterben. So der Lauf der Welt. Aber wenn er dann da ist, dieser ekelhafte Moment, in dem man versteht: es ist soweit, dann ist „die Kehle schnürt sich zu“ noch freundlich gesagt. Und aufhalten konnte ich es nicht. Wie auch? Wie soll man das Leben aufhalten? Das ist es wahrscheinlich, was alle Zen- , Meditationsmeister, Buddhisten und Sufis und Mystiker sagen: Das Leben lebt Dich und Du kannst Dich nur fallen lassen in was auch immer geschieht und dabei nie den aufmerksamen Blick und die Liebe im Herzen verlieren, egal, was geschieht. Du kannst verbittern, strampeln, schreien, nein sagen, aber es hilft nichts und es wird nicht aufhalten, was Dir geschieht. Also höre lieber hin, was das Leben zu sagen hat und bleibe aufmerksam und liebevoll. Denn im Grunde scheint es das zu sein, was wir lernen sollen. Wir Menschen können uns gegenseitig gar nicht verletzen, wenn wir still und sanft weiter das Leben annehmen, wie es ist, dankbar für jede Erfahrung, dankbar für jeden Freund, für jedes liebe Wort und jede helfende Hand. Und dann nehmen wir uns selbst nicht mehr so wichtig, weil wir wissen und spüren, dass wir ein klitzekleiner Teil sind von diesem riesigen Kosmos und unsere kleinen Meinungen und unser eingebildetes Wissen, unsere kurze Lebenserfahrung und unsere menschlichen Befindlichkeiten morgen schon ihre Dringlichkeit verlieren können, denn nie ist gewiss, was uns noch erwartet. Also handeln wir mit Freude und Dankbarkeit über das, was wir jetzt und hier haben.

neue Mitbewohner und Freunde – naja, jeder hat so seine Art, zu sein – was soll`s, schon ok…

Dazu gehört so viel. Mut und Ehrlichkeit, vor allem mit sich selbst. Brauche ich das, was ich so vehement einfordere oder kann ich auch mit etwas weniger glücklich sein? Welchen Einsatz bin ich bereit zu geben im Gegenzug für etwas, das ich verlange? Bin ich glücklicher, wenn ich noch mehr habe oder wenn ich Teil von etwas geworden bin? Kann ich Geben als seliger empfinden als Nehmen?

Ich habe in diesem Jahr viele Menschen getroffen, kennengelernt, verabschiedet, wiedergefunden, neu dazu gewonnen. So vieles gesehen, so vieles erlebt. Selten hatte ich in einem Jahr das Gefühl, so sehr in die Beweg- und Abgründe der Menschen zu schauen. Am meisten berührt haben mich die, die am wenigsten haben oder am meisten verloren haben. Die, die eh schon alles hatten und noch mehr für sich wollten, haben ihre zerstörerische Wirkung entfalten können, ein wahrhaftes Krisenjahr. Haben wollen, egal ob Recht haben oder Dinge haben wollen, sich selbst zu wichtig nehmen, die eigene Hingabe für das Leben zu dosieren – all das zerstört unser Miteinander und es zerstört andere. Mit diesem negativen Fokus auf uns selbst werden wir taub für die Worte des anderen, werden blind für die Gefühle, die uns die Augen des Gegenübers erzählen und werden kaltherzig in unserem Willen, etwas für uns selbst herauszuholen, egal, wie es dem anderen dabei geht. Und daher möchte ich zum Mut und zur Ehrlichkeit auch noch die Demut hinzufügen, als wichtige Haltung zur Welt und zum Leben. Den Mut, Dinge zu verändern, die zu verändern in unserer Macht liegt, den Mut Humanität und Vernunft zu verteidigen, die Ehrlichkeit mit sich selbst über die eigenen Fähigkeiten und Unfähigkeiten und die Demut, hinzunehmen, was wir nicht ändern können. Vor allem die Demut, anzuerkennen, dass wir kleine Menschlein sind, wichtig und liebenswert, aber nicht der Mittelpunkt von allem und ständig, sondern Teil einer lebendigen Gemeinschaft aus den unterschiedlichsten Individuen, egal ob mit zwei oder vier oder tausend Füßen… wir könnten diesen Aspekt unseres Daseins näher in Betracht ziehen und annehmen, was uns das Leben zu erzählen hat.

…und manche guten Freunde sind gegangen, wie auch mein Lieblingsbock, der kleine Onni

Und so wird jede Erfahrung wertvoll, jede Zeit – und sei sie noch so kurz – mit geliebten Wesen ein Sack voller geschenkter Momente, jeder Freund eine Segnung des Himmels und jedes Lächeln mit Menschen, mit denen wir gut miteinander sind, ist strahlender als Sonne und Mond zusammen. Das alles ist unkaufbar, nicht einzufordern, nicht zu erstreiten. Es ist etwas, das aus uns selbst kommt und wächst, je mehr wir es zu geben vermögen.

Natürlich bringt es Freunde nicht zurück, stoppt keine Pandemien, heilt keine Krankheiten, ersetzt kein verlorenes Geld, macht Betrug nicht ungeschehen, bringt Gestohlenes nicht zurück, erledigt keine liegen gebliebene Arbeit, radiert keine verletzenden Worte aus und schützt auch nicht vor den Widrigkeiten, die immer wieder von überall herkommen. Aber genau hier ist der Mut gefragt. Trotz all dem immer weiter zu machen, in der Würde eines aufrechten Menschen und mit dem unerschütterlichen Glauben an das Gute, was man selbst zu geben bereit ist. Hier ist Ehrlichkeit vonnöten, um sich selbst klar in der Welt zu sehen und andere nicht zu täuschen. Und mit Demut weiter dafür zu leben, dass große und kleine Hoffnungen, Träume und Wünsche wahr werden können. Zumindest so viel davon wahr werden kann, wie jeder Einzelne selbst einen friedvollen Lebensraum für sich und andere bereiten kann. Manchmal ist das schwer, weil man nicht weiß, wie das gehen soll, wenn alles um einen herum voller Chaos ist. Menschen betrügen, zerstören wertvolle Dinge in ihrem blinden Eifer ihre Meinung durchzusetzen zu Dingen, von denen sie keine Ahnung haben, nur weil sie damit ihre Position stärken wollen. Man sieht liebe Menschen leiden, weil die blinden Eiferer in ihrer bigotten Selbstzentriertheit und Arroganz sich erst zu ihrem Recht gekommen fühlen, wenn sie Dinge und Freundschaften zerstört haben. Oder ganze Völker unterdrücken und Länder zerstören, wie es uns die Kriege der Welt gelehrt haben. Und im „ganz normalen Wahnsinns-Alltag“ werden liebe Menschen oder Tiere durch Alter oder Krankheit von uns genommen, was wir dann auch noch verschmerzen müssen. Dieser Text soll nicht sagen, was so viele gut gemeinte Ratgeber ratschlagen, dass man dann keinen Schmerz empfände. Nein, das ist nicht wahr. Schmerz empfinden wir immer, solange wir fühlende Wesen sind. Und all dieses Chaos und all diese Verluste werden sich immer gleich schmerzvoll anfühlen. Aber genau dann müssen wir aufmerksam und still bleiben, denn manchmal tritt genau dann etwas Neues in unser Leben. Und fragt wieder nach der Liebe und dem Mut, die wir zu geben bereit sind, in jeglichen Lebensbereichen. Im Falle meines Arbeitshundes habe ich zwar nicht meinen Freund zurückbekommen, aber es hat sich eine Hündin in mein Leben geschlichen. Sie kam mit einer nicht so einfachen Geschichte und einer großen Portion Einsamkeit. Nicht viel anders, als ich es auch kenne – also, wieso versuchen wir das nicht zusammen? Sie traut nicht jeder Situation, nur ein paar Menschen und hält es meist eh erstmal für sinnvoller, ihre Grenzen abzustecken, wahrscheinlich wurden die öfters überschritten… Mit und trotz ihrer Geschichte ist sie ein starker, eigentlich stiller und sehr loyaler Hund. Wir haben das Leben Leben sein lassen, die Zeit vergehen lassen und angefangen ohne Worte miteinander zu reden, denn sie ist tatsächlich körperlich taub. Also musste ich lernen, ohne ungeschickte, belanglose, inflationäre, menschliche Worte zu reden. Man sieht nur mit dem Herzen gut, aber man spricht auch nur durch das Herz gut. Mit ihr lerne ich eine andere Sprache anzuwenden, aber ist es nicht die Sprache, die wir mit jedem und immer wählen sollten, wenn wir uns wahrhaft begegnen wollen? Durch sie lerne ich, alles Überflüssige abzuschütteln, wegzulassen und gemeinsam mit denen, die mit mir kommen wollen, weiterzumachen. Hinter mir lassen, was vergangen ist, ohne zu vergessen, welche glücklichen Momente ich geschenkt bekam, oder zu hadern mit Vergangenem, denn all das was wir erleben prägt uns und formt uns als Menschen. Oder Hund. Nachdem wir den Sommer zusammen verbracht haben und nun zusammen die Schafe in den Stall geholt haben, ist es, als würden wir Seite an Seite weitergehen wollen. Vertrauen kommt durch den Frieden im Alltag, die freundliche Geste, das aufrichtige Lächeln und die Akzeptanz dessen, was ist. Jetzt ist sie irgendwie nicht mehr wegzudenken aus meinem Leben, eine Begleiterin, die sich sicher ist in dem, was sie tut und jeden Tag auf´s Neue einfach tut, was getan werden muss. Und jeden Tag kommt diese Hundeseele ein wenig näher zu mir gerückt, schmiegt sich an mich, zeigt ihre Freude über das, was wir zusammen machen und signalisiert mir ihre Akzeptanz und Zuneigung. Ganz still hat sie sich eingeschlichen und lehrt mich, diese Sprache ohne Worte zu benutzen. Diese Sprache des Alltags, mit der man so viel mehr ausdrücken kann, als es Worte je könnten. Ich übe noch.

Das Leben schenkt uns mehr, als wir manchmal zu sehen bereit sind. Lernen wir aus den Krisen und geben das Gute weiter. An uns selbst, damit wir weiterhin den Mut haben, einander und dem Leben zuzuhören. Einander aufrichtig und ehrlich Gutes tun, damit wir das, was wir haben wollen, selbst möglich machen und aufmerksam bleiben für das Glück des einzelnen Moments. Dieses Glück nährt uns und hält uns dann in den Momenten, wenn wir wieder herausgefordert werden. In diesen Momenten können wir fordern, haben wollen oder strampeln, aber es wird uns nichts helfen. Nur dieses innere Glück wird uns tragen.

In diesem Jahr ist es wieder einmal kein original weihnachtliches Lied, was ich mit Euch teilen möchte, aber genau das passende Lied zu Weihnachten in diesem Jahr. Es hat mich die letzten Wochen zusammen mit all diesen Gedanken oft begleitet mit seinem Text und seiner Melodie. Eine liebe Freundin hat mir über die Hintergründe zu diesem Lied erzählt. Es ist ein fast Lied der Verbundeheit von Menschen über Kontinente hinweg, denn eine indianische Frau hat es geschrieben und eine samische Frau singt es. Von einem Ende der Welt zum anderen: miteinander, nicht gegeneinander. Das ist, was wir derzeit so dringend brauchen. In diesem Sinne wünsche ich Euch allen frohe und selige Weihnachten, egal wo oder mit wem oder mit wem Ihr nicht seid. Im Herzen könnt Ihr alle bei Euch haben.

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1 Kommentar

  1. Bianca 31. Januar 2021

    Liebe Anke,
    vielen Dank und sooo ein schönes Lied und da kommt ja noch mehr Musik 🙂
    Herzliche Grüße !!!

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