Die Schäferin vom WeidenHof

Nebla und die Nebelschafe

Nachts ist es kälter als draußen

Was für ein Jahr, was für ein Sommer…Man arbeitet lieber nachts, nur blöd, dass man nachts nicht so viel sieht. Alle darben unter der Hitze, egal ob Pflanze oder Tier, egal ob Gärtner oder Schäfer… Die Weiden verdorrt, die Kühe werden schon lange zugefüttert, mit den Schafen grasen wir noch alle möglichen und unmöglichen Winkel des Hofes ab. Das Gemüse verbrennt auf dem Acker, Zwiebeln werden auf dem glutheißen schwarzen Moorboden nach dem Ernten einfach gebraten und sind gebrauchsfertig auszuliefern. Einfach warmmachen oder schneiden und auf den Zwiebelkuchen legen, glasig sind sie schon. WeidenHof-Fastfood…. Sowas haben wir hier noch nicht erlebt.

Die Nachbarn sprechen von – wann war es? – 1957 oder 59, als es“schonmal“ so war. Auch so richtig heiß und trocken über lange Zeit, zeitweise mit Wasserknappheit und wie sie auch damals versucht haben, die Kühe satt zu kriegen und wie sie über die Mittagsstunden nicht arbeiten konnten, weil sie auf dem Acker verbrannt wurden und im ersten Tageslicht beginnen mussten und dann bis zum letzten Licht gearbeitet haben, um das, was ansteht auch irgendwie bewältigen zu können.

Jaja, die Landwirtschaft und die Natur. Zum einen sind solche Sommer immer wieder ganz gut, um uns klarzumachen, dass wir noch lange nicht alles bestimmen können und im „Griff“ haben. Egal, wie ausgeklügelt unsere Anbauplanungen sein mögen, egal wie ausgetüftelt die chemischen „Helferlein“, um Pilze, Bakterien oder parasitäres Kleingetier zu eliminieren, egal wie heroisch unsere „Naturschutzideen“ sind, letztlich hat diese Natur ihre eigenen Vorstellungen davon, was sie tun und lassen möchte und zeigt uns imer wieder, dass wir mitten drin sind und sie mit uns macht, was ihr gefällt. Zum anderen ist es für uns natürlich harter Tobac.

Jetzt fangen die einen an, wiedermal angeregt über Erderwärmung zu reden, Heißzeiten sind im Gespräch und Naturschutzbünde rufen zu dringenden Veränderungen in der Landwirtschaft auf. Dann kommen die anderen hinzu, bezweifeln Studien und stellen ihre eigenen auf, es wird hin- und hergezerrt am Klimawandel, an der Landwirtschaft, an Ursachen und prognostizierten Toleranzgrenzen für zukünftige Szenarien. Es geht um Machbarkeit, um finanzielle Möglichkeiten und wahrscheinlich auch ein bisschen um die innere Haltung, die wir zu der Sache haben. Ja, die Umsetzung nachhaltigerer Verhaltensweisen muss auch wirtschaftlich machbar sein, so viel ist klar. Und dabei ist es egal, ob es arbeitswirtschaftlich oder monetär leistbar sein muss, irgendwie muss es bewältigt werden. Aber wenn diese „Gesellschaft“, wer auch immer das ist, Nachhaltigkeit will, warum tut sie es dann nicht einfach?

Diese Gesellschaft stellt Studien auf, diese Gesellschaft debattiert, diese Gesellschaft baut Getreide an, diese Gesellschaft geht einkaufen, diese Gesellschaft kocht für ihre Familien, diese Gesellschaft schreibt Blogartikel, diese Gesellschaft verkauft Gemüse, diese Gesellschaft liest Blogartikel,… vielleicht haben wir vergessen, dass „Gesellschaft“ ein abstrakter Begriff für ein ganz einfaches, konkretes menschliches „Wir“ ist. Dieses „Wir“ sind du und ich, der Nachbar und dessen Nachbar und seine Kinder, der und die und die anderen übrigens auch. Und wenn „wir“ etwas wollen, warum tun „wir“ es dann nicht einfach? Wenn wir nachhaltig und bio wollen, artgerecht, klimaschonend, sinnvoll und verantwortungsvoll – na dann: man tau! söcht man hier im Norden.

Es gibt genug Debatten, was man ändern könnte, sollte, müsste in der Landwirtschaft, in der Subventionspolitik, in den Marktstrukturen. Ich mag nicht damit anfangen, denn es würde mich mittlerweile selber langweilen, in so einer Situation kleinkrämerisch darüber zu schreiben. Zu viele Worte sind schon ausgedehnt, umdefiniert, in neue Zusamenhänge gebracht worden, als dass es noch neue, erhellende Erkenntnisse geben könnte. Dieser Sommer zeigt uns, dass es nicht mehr an den Worten liegt, mit denen wir etwas verändern könnten. Die Natur fordert von uns allen – egal ob Landwirt oder Verbraucher – Taten! Im Synonymlexikon findet man für „man tau“ unter anderem folgendes:


Na gut, zugegeben, die Gewehre müssen es nicht unbedingt gleich sein, aber dennoch frage ich mich, was uns daran hindert, zu tun, was wir „eigentlich“ wollen. „Yes we can!“ zu artgerechter Tierhaltung, Klimarettung, Umweltschutz, Bio-Landwirtschaft, die rentabel die  kleinbäuerlichen Betriebe erhält und Wertschätzung von Lebensmitteln. Und ab dafür!

Aber leider stehen immer wieder Leute – auch zum Teil bekannte Persönlichkeiten – auf unserem Hof, bewundern mit schönen Worten, was wir tun und dann? Ich weiß gar nicht, wo die alle einkaufen, aber irgendwie müssen immernoch genügend Leute die Nachfrage nach günstigen Lebensmitteln hoch halten, denn sonst würde dieser Markt ja zusammenbrechen, oder? Aber er floriert. Und mit ihm der Label-Dschungel und die Zertifikatsverschiebungen.

Und sonst? Haben wir nun unser Klima gerettet, wenn wir nur noch „bio“ kaufen, können wir die Welt retten, wenn die Landwirte endlich mal klimaneutral produzieren? Ich habe mich köstlich amüsiert über ein Statement eines anderen Schäfers darüber. Nicht über sein Statement, sondern über seinen Erzählstil. Seinem Stament kann ich nur vollstens zustimmen. Auch ohne Zahlen hin-und herzuschieben, wie es in Diskussionen so üblich ist. Wer sich gut informiert hat über Methan und Lachgas, dem sei nahegelegt: „Immerhin stammen 10-12 % der weltweiten anthropogenen Treibhausgas-Emissionen aus der Landwirtschaft.“ (wiki-bildungsserver, Landwirtschaft als Klimafaktor) Ich hab das hier nur eingefügt, um zu zeigen, dass ich mich sehr wohl mit Zahlen und Studienergebnissen beschäftige, aber einfach nicht damit zufrieden gebe, Zahlen zu „haben“. Für mich zählt, welche Auswirkungen auf unser Handeln diese Zahlen denn haben könnten. Also, schaut rein:

Oah, dieses Bauern-Klima-Killer Geschreibe der Presse geht mir so auf den Sack. Was bringt denn der Verzicht auf Fleisch, wenn ich mit der Familie in einen hübsch sanierten Bauernhof auf dem Lande ziehe, 85 Kilometer pendeln muss und die Kinder mit dem SUV zur Schule fahre? Wie steht es denn mit der Klimabilanz einer Banane, Avocado, Kaffee und Zigaretten? Werden die ganzen Klamotten, meine Heimautomatisierungslösung, die Spielsachen und die ganze importierte Scheiße überhaupt mit eingerechnet?Die Landwirtschaft muss sich ändern, aber wir alle müssen uns ändern und der verdammte Klimawandel hängt halt nicht an uns Bauern. Hört auf damit, den Leuten sowas einzureden.

Gepostet von Wanderschäfer Sven de Vries am Montag, 6. August 2018

Genug vom Klima. Man tau und viel Freude beim klimafreundlichen Einkauf. (Sven, ich hoffe das geht in Ordnung, wenn ich Dein Video hier platziere.)

Es gibt in der Sommerglut neben den Klimavorwürfen auch noch anderes, was uns Schäfer und Landwirte beschäftigt. Rede ich weiter als Schäferin.

Seit gefühlten 5 Monaten haben wir hier auf unserem Hof keinen ernsthaften Regen mehr gehabt. Yo, immer mal ein paar Tröpfchen, aber das reicht noch lange nicht, um Gras wachsen zu lassen. Selbst der Mais vom Nachbarn, der rund um unseren Hof steht, rollt seine Blätter ein, die Bäume und Hecken sind teilweise jetzt schon braun. Und jeden Tag stehen da 91 Kulleraugenpaare und fragen nach Futter. Soll ich sagen, „Ja sorry Mähdels, ihr habt das Klima zerstört, weil ihr Fleischerzeuger seid, jetzt seht zu“?  Die läppschen paar Kilo Fleisch, die ich aus meiner Herde ernte… Außerdem sind meine Mähdels mittlerweile zu Wolllieferanten geworden und sorgen dafür, dass wir regionale Schafwoll-webteppiche herstellen können. Also doch keine Klimakillermähdels, also doch Recht auf Futter. Aber woher nehmen? Hier kommt endlich mal ein Vorteil einer alten, vom Aussterben bedrohten Rasse zum Tragen. Moorschnucken und deren Kreuzungen können extrem genügsam sein. Dadurch, dass es so heiß und trocken ist, haben die Würmer kein leichtes Leben. Sie brauchen den Tau morgens und abends, wenn sie sich aus den Schafkötteln wieder zu infektiösen Wurmstadien entwickeln wollen, ansonsten sterben sie regelrecht ab. Wir haben also dieses Jahr relativ wenige Würmer (im Vergleich zum  letzten Herbst) und das heißt für mich, dass ich meine Mähdels die Weide relativ weit runterfressen lassen kann. Für mich war das ein Wagnis, denn beim „weit runterfressen“ kriege ich immer selbst Bauchschmerzen. Ich weiß ja, dass der Infektionskreislauf dann beste Bedingungen hat. Aber in diesem Sommer musste es sein. Und siehe da: die Kotprobe hat keine überbordenden Verwurmungen angezeigt. das Übliche halt. Die Mütter ein bisschen, die Lämmer schon recht intensiv. Also zweimal Lämmer entwurmen und Mütter nur einmal. Kontrollprobe, Mütter sauber, Lämmer weniger Würmer. Sehr schön. Und wir haben noch ein wenig Futter. Das bisschen Aufwuchs reicht, um meine Schnucken satt zu bekommen. Die Pansen sind zwar nicht so übervoll wie auf einer frischen saftigen Weide, aber die Rücken zeigen eine noch gute Kondition, die auch vorerst beständig so bleibt. Und beim Laufen schwabbelts bei der ein oder anderen schonmal. Geht doch. Heißt aber auch wieder: Arbeiten mit alten Rassen bringt zwar Vorteile in Extremsituationen wie dieser, bedeutet jedoch weniger Ertrag pro Tier. Und auch das will betriebswirtschaftlich gewuppt werden. Das Kilo Fleisch kostet dann was? Wie berechnet man monetär, dass alte, genügsame Rassen eine nachhaltige Form von Landwirtschaft ermöglichen können und Extremwettterlagen aushalten können? Und wer bezahlt „Genügsamkeit“ bei seinem Braten gerne mit?

Aber ich wollte doch gerne aus der Herde weitererzählen. Wir wurden auch neben dem Hitzeheißzeitsommer ordentlich durchgerüttelt.

Nachdem im Mai Miranda (siehe letzter Blogeintrag) erlöst werden musste, dachte ich, ich hätte den Kulminationspunkt in diesem Jahr überwunden. Lammzeit durch, Schwergeburten erledigt, das „eine, obligatorische Schaf“ im Frühjahr verloren – ok, total mies, dass es ausgerechnet Miranda treffen musste, aber gut, ich habe mich ja schon reichlich im Loslassen von geliebten Schafwesen geübt – und dann von mir aus auch noch ein bisschen Ketose und Rotlauf – aber nu muss auch ma wirklich gut sein. Nee, gar nichts gut, noch nicht genug Gehenlassen geübt. Beim sommerlichen Herdenbesuch vom Schafgesundheitsdienst war klar, was sich Tage vorher schon anbahnte. Meine gute Nacht würde uns ebenso verlassen. Puh.

Nacht ist ein Schaf. Gewesen. Mein Schaf. Eine Enkeltochter von Nebla, die als eine der ersten hier auf dem Hof geboren wurde, als ich hier die Herde aufgebaut habe. Deswegen musste sie auch einen Namen mit „N “ bekommen, wegen der mütterlichen Linie. Ihre Schwester Narde ist immer schon recht selbständig gewesen. Narde kommt auch immer als erste, wenn neue Menschen auf der Weide sind, Narde rempelt einen frech an oder schmiert ihren Schafrotz an der Schäferhose ab. Narde drängelt sich überall durch, Narde überholt einen beim Laufen über die Straße, Narde will auch weitergestreichelt werden, wenn man sie schon echt genervt anpampt, Narde hängt mit ihrem Kopf als erste im Hafereimer und verkeilt sich im Henkel, Narde trampelt einem auf die Füße und Narde schreit am lautesten, wenn es trockenes Brot als Schokoladenverwöhnung gibt. Nacht war das ganze Gegenteil ihrer Schwester. Nacht war ein stilles, sanftes Schaf, welches ihre dunklen Augen ganz liebevoll auf den Menschen gerichtet hat und die schönsten Momente mit ihr gab es in der Stille der Nacht, wenn alle anderen friedlich dösen – auch Narde –  und man mit diesem sanften Schaf kuscheln konnte. Dann erst sah man ihren tiefen Blick und ihr Verständnis der Welt, ihr Zuhören und ihr Hiersein. Ich hatte immer das Gefühl: wenn ein Schaf die Menschen hören kann und versteht, was die Menschen sagen, dann ist es Nacht. Und wenn sie dann ihren Kopf in die Schäferhand schmiegte, während man sie hinter den Ohren kraulte, war da nur Lächeln und Liebe.

Nacht in ihrem ersten Herbst

Nacht hatte stets die weicheste Wolle, was dazu führte, dass wir ihre Wolle seit Beginn der Wollvermarktung immer seperat kardieren ließen und an Handspinnerinnen verkauften. Das Vlies war im nu wech. Ausverkauft, sobald die Spinnerhände es einmal gefühlt hatten. Nacht war auch an der ersten spannenden Kreuzung zwischen Schnucke und Milchschaf beteiligt.

Als Lamm mit Mutter Nuran und Schwester

Mit Finni, meinem damaligen Moorschnuckenbock und den anderen Damen ging sie gemeinsam mit ihrer Schwester zur Herbstweide. Und ab da begann eigentlich das Dilemma. Keiner konnte ahnen, dass es nicht so glimpflich ausgehen würde. Als sich die Tragzeit zuende neigte, spürte ich schon, dass irgendwas komisch werden würde. Abends beim Verlassen des Stalls schaute sie mich immer so an, als wollte sie fragen, ob ich ihr denn auch helfen würde. „Ja, meine Gute, ich bin bei dir, mach dir keine Sorgen.“ „Dann ist ja gut.“ Schien sie zu antworten. Wäre sie ein Mensch gewesen, hätte ich sie erleichtert aufatmen gehört. Ein bisschen irritiert war ich schon, aber was soll`s. Wir werden sehen. Eines Abends lagen sie und ihre Schwester gleichzeitg mit Wehen im Stall rum. Beide Schafe machten, bei keiner guckte was. Na gut, nochmal Kaffee trinken gehen, der Abend ist ja noch jung, geh ich in ner Stunde nochmal raus, dachte ich. Später dann lag ihre Schwester schon mit einem Lamm im Stall, das andere kam gerade. bisschen geholfen, super, Mutti beglückt, Lämmer trinken, ahoi.

Und Nacht? Schaute mich mit riesengroßen Augen an. Nanu? Was is´n los? Warte, ich guck mal. Sagte ich noch zu ihr und wollte Lämmer rausholen aus dem Schaf. Also reingefühlt und gesucht. Und gesucht. Und gesucht. Häh? Nur Gewebe? Wie geht denn das? Noch meinen Kuhirten-Kollegen geweckt: „Sag mal, kannst du mal fühlen? Das ist wie ne Spirale im Schaf, ich find kein Lamm…“ Mittlerweile war es ein Uhr. Wir fanden gemeinsam heraus, dass sie eine verdrehte Gebärmutter hatte und durch den zugedrehten Schlauch auf keinen Fall ein Lamm geboren werden konnte. Also haben wir gemeinschaftlich mit der allergrößten Vorsicht die Drehung manuell beseitigt und den Geburtskanal geweitet. Das arme Schaf. Und dann kamen wir an Lämmerfüße ran. Yuppieh, jetzt noch ein bisschen arbeiten und dann haben wir´s. Nix war. Die Lämmer waren verkeilt und alle Zieh- und Zerrversuche erfolglos. Egal, was wir taten, wir bekamen das Lamm nicht durch – jedesmal wenn wir ein paar Zentimeter erarbeitet hatten, flutschte es wie mit Staubsaugereffekt zurück. In mir sackte alles zusammen. Ich sah mein sanftes Schaf leiden und malte mir schon die schrecklichsten Bilder vom Lämmerzerschneiden im Bauch aus. Ekelig ist sowas, wenn es nötig wird. Furchtbar. Tierarzt. Sofort. Notfall. Aber derber Notfall. Also bin ich reingerannt und habe die Tierärztin aus dem Bett geklingelt. Kommt gleich, springt in die Klamotten, gießt nen Kaffee auf und fährt los, wir sollen das Schaf gut bewachen. Ich also zum Stall zurückgerannt. Mittlerweile war es drei Uhr.

Als ich im Stall ankam, lag Nacht da, hinter ihr ein Blufleck und ein totes schwarzes Lamm. Trotzdem schaute sie mich an, als wollte sie sagen: „Ich bin total fertig, aber macht weiter, bald haben wir`s.“ Das Lamm hatte die Strapazen wohl nicht überlebt und ist während des Geburtsvorgangs gestorben. Also hatte mein Hirtenkollege es kräftig rausbugsiert. Und dahinter zuckten weitere Lämmerfüßchen. „Das da lebt! Weitermachen!!“ „Die Tierärztin?“ „Ist auf dem Weg.“ Und zack – wühlten wir weiter im Schaf. Kurz darauf wurde ein schneeweißes Lämmchen geboren. Schüttelte den Kopf, prustete, wackelte mit den Ohren und macht „määhä.“ Wir haben es Nacht, die zu erschöpft war, sich noch irgendwie zu bewegen, vor den Kopf gelegt und sie beschlabberte es überglücklich. Üblicherweise schaut man nach Geburtshilfe immer nach, ob noch ein Lamm im Bauch der Mutter ist, denn Schafe, besonders nach Schwergeburten, machen dann nicht einfach so weiter. Man hat schon eingegriffen und das Schaf in seinem natürlichen Gebärvorgang unterbrochen. Also hat man auch die Verantwortung, das ganze ordentlich abzuschließen. Also guckt man nach. Und was war? Beim Nachgucken fühlten wir noch ein Lamm! Also weiter mit Geburtshilfe. Wieder ein weißes, wieder abgelegt, es schüttelt sich, Nacht schlabbert. Noch ma kurz gucken – nääää! Kann ja nicht sein – da ist noch eins drin! Nacht hatte also vier verkeilte Lämmer in ihrer verdrehten Gebärmutter, drei weiße lebten, das schwarze war tot. Um diese Geschichte nun zu beenden: die Tierärztin kam, untersuchte, machte, tat, spritzte, versorgte, Lämmer tranken, die kleine Familie bekam eine extra-gemütliche Krankenbox und um sechs Uhr morgens lag ich neben Nacht, hielt sie in meinen Armen, ihre Lämmer hatten sich auf der anderen Seite an sie gekuschelt und das Schaf schmiegte doch tatsächlich ihren Kopf in meine Arme. Während wir so dalagen, fühlte ich, wie Schmerzschauer durch ihren Körper gingen und ich konnte mich nur langsam aus dieser düsteren Nacht erheben. Was kann ein Lebewesen alles aushalten? Was verlangt die Natur von Muttertieren alles ab? Welche Liebe zum Leben braucht es, um sowas zu überstehen?

In den ersten Tagen nach der Geburt ihrer Lämmer

Nacht erholte sich nur langsam. Sie war danach sechs Wochen lang krank, erst floss Eiter aus ihrer Gebärmutter, dann entzündete sich das Euter, schwoll riesig an, platzte auf und entließ nekrotisches Gewebe. In all dem habe ich sie begleitet. Ich habe sie so oft mit irgendwelchen Antibiotika gespritzt, dass sie später an den Stellen, wo ich immer gepiekst hatte, dunkleres Fell umpigmentiert hatte. Ich habe ihre Lämmer ordentlich zugefüttert, ihnen eine Krankenweide mit bestem Futter gemacht und sie täglich umsorgt. Als sie wieder mit den anderen auf der Weide war, sie einigermaßen fit war und ihre Lämmer sich in die Herde eingelebt hatten, trafen sich unsere Blicke immer in einem besonderen Maße, wenn ich zu den Schafen kam. Wir beide hatten das zusammen durchgestanden. Wir würden zusammenhalten wie Pech und Schwefel. Es war klar, dass sie nie wieder Lämmer bekommen würde, aber das machte nichts. Sie hatte sich ihren Gnadenbrotplatz redlich verdient und außerdem hatte sie die weichstes Wolle der Herde. So wurde sie zur ersten „offiziellen Wollproduzentin“ und hatte somit durchaus eine wirtschaftliche Berechtigung.

Jungschaf Nacht in der Lämmerdamenherde

Und so lief sie mit, war ganz gut zufrieden und erlebte, wie ihre Tochter Nasreen, die ich als einzige behalten habe, selbst ihr erstes Mal Lämmer bekam. Mutter und Tochter waren immer sehr eng miteinander verbunden, schliefen beisammen, gingen zusammen grasen und die Mutter hielt sich in der Nähe ihrer Tochter auf, als diese selbst zwei dicke Lämmer bekam. Manchesmal sah ich sie mit ihren „Enkeln“ liegen und dösen, während Nasreen Heu fressen ging.

Nacht als stolze Oma

Wie das als Oma so ist, die Beine werden steifer, die Gelenke wollen nicht mehr. Troz Behandlung lief sie immer schlechter, irgendwann war ihr rechtes Hinterbein ganz krumm. Vielleicht war es der Rotlauf, den wir damals mit dem falschen Antibiotikum attackieren wollten. Penicillin intramuskulär hatte in diesem Sommer bei Nebla gewirkt, vielleicht hätten wir das bei Nacht schon machen sollen. Aber egal, denn auch das hätte nicht viel länger gehalten. Kurz vor dem Termin mit dem Schafgesundheitsdienst begann, ihr Bauch sich zu senken und die Diagnose war dann schnell klar: Bauchbruch. Nun war es gut. Es war genug.

Meine Schafgesundheitstierärtzin, meine Auszubildende und ich hockten uns um das Schaf, die Herde war dabei, alles war still und liebevoll. Tierärztinnenhände, die wissen, was sie tun müssen, um das Schaf sanft zum Einschlafen zu legen, Schäferinnenarme, in die das Schaf sinken kann und der tiefste Respekt von drei Menschen, die wissen, was dieses Schaf alles er- und getragen hat, wie schwer es ist, ein so geliebtes Wesen zu verabschieden und wie leicht und gut es für dieses Schaf nun sein würde, gehen zu dürfen. So ist Nacht dann gegangen, stark und erhaben und sanft in meinen Armen gehalten.

Und dann lag sie da. Im Stall. Ihre Tochter hatte sich von ihr verabschiedet und ging neben mir inmitten der Herde raus auf die Weide. Die Herde muss weiter und die Töchter sind die Herde, durch die jede Mutter ihren Platz auf ewig hat.

Wiedermal machen wir weiter. Wir geben nicht auf. Denn die Herde ist Leben und dieser Ort hier unser Zuhause. Und das Zuhause von vielen anderen, die dort leben, wo meine Schafe grasen. Nur indem wir weitermachen, zu versuchen, dieses Land sinnvoll zu bewirtschaften, können wir dieses Zuhause für all diese Lebewesen erhalten. Und weil wir das Leben hier gerne leben und das Leben der Herde hier Zuhause bedeutet, machen wir weiter. Und versuchen, es immer ein Stückchen besser zu machen, um das nächste Mal jemanden vielleicht doch noch retten zu können, oder doch noch bessere Methoden finden, wie man noch sanfter und nachhaltiger wirtschaften kann.

All diese Worte über Landwirtschaft bedeuten nichts, wenn man nicht fühlen kann, wie es sein kann, wenn man einfach gerne „zuhause“ ist. Nicht in einem Haus aus Wänden, sondern auf diesem Fleckchen Erde, dem Land, mit den Tieren und Pflanzen, die dort sind, mit dem, was einen umgibt und das lebendige Rauschen der Herde zieht durch die Zeit. Was soll ich anderes tun wollen, als mein Zuhause zu bewahren?

Dabei kommen immer wieder irgendwelche Wesen – Hütehunde, Schafe, Menschen – die sich irgendwie besonders mit mir verbinden und mit denen ich mich verbinde. Und manchmal werden sie wieder hinfortgenommen und ich bleibe alleine zurück. Gleichzeitig bleibe ich Teil von diesem Leben, dem Lebendigen was mich umgibt und der Tod oder der Verlust von Wesen ist Teil von diesem Leben. Auch ich habe dieses Leben nur für ein Weilchen geschenkt bekommen, denn irgendwann wird es mir wieder genommen. Mir gehört hier nichts, denn alles Lebendige gehört dem Leben selbst. Und Sommer wie diese erinnern uns immer wieder daran, wie wertvoll das ist, was wir jetzt gerade haben.

Nasreen, die Tochter der Nacht

 

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3 Kommentare

  1. Guido 28. August 2018

    Ein paar Gedanken zum Klimawandel kann ich mir nicht verkneifen: Das Wesen des Klimas ist der Wandel und die Forderung, den Klimawandel zu stoppen ist das Armutszeugnis EINER Gesellschaft, die längst keine mit der Natur verwobene Gemeinschaft von Individuen mehr ist, sondern sich in EINEM gestrickten Kettenhemd nach und nach Lebendigkeit vom Leibe schafft.

    https://guidovobig.com/2017/12/19/stop-climate-change-start-human-change/

    Das Klima auf der Erde wird keineswegs lebensfeindlicher, weil der Gehalt an CO2 (mal wieder) steigt, sondern weil wir Menschen die Atmosphäre auf diesem Planeten mit unseren Verstrickungen und Energieräubereien zunehmend vergiften, im übertragenen Sinne. Soll heißen: Je mehr Energieräuber immer mehr Energie von anderswoher rauben, desto mehr heizen Gesellschaften einander ein und machen nicht nur sich, sondern dem Leben als Ganzes selbiges immer schwerer, sprich, fremdbestimmter.

    Wie “tickt“ das Leben? Wer sich mit der Natur zu verweben bereit ist, der dürfte zu spüren bekommen, dass das Leben Energie ist, die ein Zuhause gefunden hat, für das es sich lohnt zu sterben. Der Tod indes ist selbige Energie, die vor Ort nicht länger verweilen kann – aus welchem Grund auch immer. Gesellschaften wird der Tod immer befremdlicher, weshalb sie immer mehr geraubter Energie bedürfen, um den Tod zu negieren bzw. hinzuhalten. In Gemeinschaften, z. B. Herden von Natur aus, sieht das ANDERS aus. Warum? Weil ANDERE Lebewesen von Natur aus mit der Energie auskommen müssen, die ihnen ihre Körper am Ort des Bedarfes ermöglichen, denn sie sind eben keine Energieräuber.

    Beim Tod geht es nicht nur um Lebewesen, sondern auch um Ideen, um Motivationen, die sterben, wenn ihnen jene Energie versiegt, die sie am Leben gehalten hat. Je länger man daran festhält, was natürlich weiterziehen muss, desto mehr Energie bedarf es, Energie von anderswoher. Das ist das menschliche Multilemma (die räuberische Multiplizierung des Dilemmas, in welches wir Menschen uns mehr und mehr verstricken). Etwas aus eigenen Antrieb, aus eigenem (Energie)Vermögen fortzuführen, sein Herzblut zu geben, aller Hindernisse und allem Gegenwind zum Trotz, birgt immer die Gefahr der völligen Erschöpfung, aber zugleich auch die Ermöglichung der Erfüllung, durch das Verwobenwerden mit einer Energiequelle, für die Energieräuber nicht empfänglich sind.

    Ich kann mich sehr gut in Ihre Lage hineinversetzen, denn während Sie dem Multilemma durch ihre Multlämmer 🙂 begegnen können, schreibe ich Bücher für EINE Leserschaft, die mehr und mehr schrumpft, weil sie für das Geschriebene nicht (mehr) bzw. immer weniger empfänglich ist. Trotzdem schöpfe ich immer mehr Energie aus dem, was mir wähend des Schreibens begegnet. Mit Energie langlebig haushalten zu können, anstatt Energie auf die Schnelle in Profit umzustricken, das schafft weit mehr Zufriedenheit und lässt EINEN lebendig bleiben – vor allem aber sich selbst gegenüber ehrlich und glaubwürdig.

    • Schaeferin 28. August 2018 — Autor der Seiten

      hallo guido, da treffen wir uns hier wieder. ja, das meinte ich mit den auszug aus dem text, wo es darum ging, dass wir weitermachen, denn die herde ist leben und dieser ort hier zuhause.
      ich gebe nicht auf, egal was geschieht, denn die herde ist leben. und verbindet mich – ja genau – mit eben dieser lebendigkeit. das ist etwas unbezahlbares, ein unschätzbar wertvolles geschenk der schafe. und im gegenzug möchte ich dieser schafherde ermöglichen, hier zu sein. dafür müssen wir produzieren und wirtschaften. und ich muss bereit sein, erschöpfung und frust auszuhalten. und dann kommt immer mein leitschaf und stubst mich an…. kaut genüsslich und alles ist gut. und ich weiß, dass sich für alles lösungen finden werden, wenn ich – genau – integer bleibe. aber das machen mir die schafe vor, wie das am besten geht. schafe und schreiben tut gut und hält wach und lebendig. nicht aufgeben. weitermachen. mit der herde oder der tastatur.
      oder beides.

  2. Guido 29. August 2018

    Zur Verdeutlichung des Energieraubes, in dem wir uns als Gesellschaft verstricken lassen, und bezüglich des Multilemmas unserer Art von Fortschritt noch Folgendes:

    https://guidovobig.com/2018/01/08/massenmenschhaltung/

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