Die Schäferin vom WeidenHof

Nebla und die Nebelschafe

Betriebsausflug

Betriebsblind wird man ja manchmal. Tagein, tagaus dieselben Wiesen, im langsamen Wandel der Jahreszeiten, die Herden und Gehölze und Kulturen, die man jeden Tag begrüßt und in deren Mitte man jeden Tag arbeitet. Die üblichen Zahlen, Erhebungen, Dokumentationen. Alles immer wiederkehrend, sich wiederholend und verändernd, ein Hof-Betrieb, dessen Motor man selbst ist. Oder ein Schräubchen von diesem Motor – wer weiß, … Da manche Hofmenschen oftmals jahrelang kaum vom Hof runter kommen, erhalten sie ebendiesen Genuss von Angekommensein auf einem Fleckchen Land, sich verbunden zu fühlen, mit Land und Tieren verwoben sein. Aber sie geraten auch ebenso beständig in diese Verbindlichkeiten verschiedenster Art, egal ob finanzieller Art oder in Form der Zusage, dass sie diesen Tierwesen Fürsorge versprochen haben und tagtäglich, jede Woche, jahrelang die Herde in ihrem Herdenleben begleiten. Verbundenheit und Verbindlichkeit liegen eng beieinander und gehören zusammen.

Und da gibt es noch dieses leise Band, welches die Herde zu ihrem Hirtenmenschen knüpft. Ganz zart und dennoch so mächtig, weil es etwas Uraltes ist. Aber um Euch davon zu erzählen, lasst mich der Reihe nach berichten.

Um meine Betriebsblindheit ein wenig aufzulockern und ein paar andere Dinge zu besprechen, besuche ich also einen Schäferkollegen – zwei Kollegen eigentlich und wir drei sind so unterschiedlich wie es nur sein kann. Macht nichts. Man versteht sich. Man redet in ähnlichen Worten, jeder in seiner eigenen Sprache und dennoch jedem verständlich. Wunderbar ist das. Nach einem „Betriebsleitergespräch“ mit vielen Zahlen, Fakten und viel Austausch, was mich als Betriebsleiterin natürlich auch begeistert, darf ich dann aber mein Schäferinnenherz aufblühen lassen. Hinnerk Tewes fährt mich raus zu Hans, mit dem wollte ich gerne mal mitgehen. Eben noch Binsenweisheiten ausgetauscht, wie man dieser Pflanze an die Wurzel gehen kann, wenn sie die Weiden überbevölkern versucht, öffne ich die Autotür, die kalte Luft schlägt mir entgegen und ich fühle sie. Die Schafe. Augenblicklich geht mir das Herz auf und ich kann mich kaum konzentrieren, um erstmal Hans anständig zu begrüßen. Da seid ihr ja, Mähdels. Man braucht kaum viel anderes im Leben. Die Mähdels, einen warmen Tee, was zu essen, ein paar gute Hunde und den weiten Himmel über dem Kopf. Damit der mal frei wird – unser Kopf. Mit all seinen Plappereien und Wichtigtuereien, mit seinem Wirrwarr und Blabla. Mäh. Jawoll. Los geht´s. Sieht Hans auch so.

Bei meiner Ankunft. Die Mähdels schlagen sich die Bäuche voll, Hans und ich fallen in ein Gespräch und Alva kapiert, was dieser Ausflug soll. Schnucken. Viele. Ganz viele Endorphinauslöser. Für meinen Hund. Naja – und für mich.

Diese Herde hat Zuchttiere hervorgebracht. Diese Herde besteht  dreimal so lange, wie alt ich bin und diese Herde ist Teil eines Hofes, der noch so traditionell wirtschaftet wie es einmal üblich war in den Heidegebieten. Nah am Hof der Ackerbau, Landwirtschaft und weiter draußen Flächen, die weniger Ertrag bringen, aber Naturräume schaffen durch Beweidung, durch Nährstoffaustrag, durch das Hüten und Durchwandern mit den Tieren. Was hat hier welchen Wert und wie beurteilen wir das? Was „bringt“ mehr – Ertrag oder Naturraum? Und am Hof ein Schäfer, der die Hundertschaften Nährstoffsammler pflegt und gedeihen lässt. Der jeden Tag draußen ist mit der Herde, der jeden Tag beobachten kann, was da draußen geschieht, der beweglich bleibt, obwohl seine konzentrischen Kreise ihn immer wieder an einen Punkt zurückführen, der auf ungesehenen und dennoch ganz bewusst gewählten Pfaden läuft, der mit stiller, weiser Voraussicht und gutem Gefühl für das Land und die Tiere die täglichen Wege wählt. Wie läuft man wann mit welcher Herde? Wie oft wird eine Fläche befahren? Wann ist es Zeit, weiterzuziehen? Was sollen die Schafe an diesem Tag alles fressen und wo gibt es das gerade zu diesem Zeitpunkt? Hüten ist nicht einfach nur mit Schafen durch die Gegend latschen, hüten bedeutet, bewusst zu entscheiden, mit wieviel Tieren wann, wie oft und wie lange, während man beim Tun sehen muss, wie voll die Bäuche – pardon, Pansen werden und wieviel Futter es noch gibt oder was noch weggefressen werden muss – aus Futtergründen oder Naturschutzgründen. Ich kann mich dieser Bewegung nicht erwehren und tauche ein in das Ziehen der Schafe, das Auf- und Ablaufen von uns, das leise Geplapper unseres Gesprächs, was die gesamte Zeit durchzieht und sich nach fünf Stunden gemeinsamen Weges und unentwegtem Reden anfühlt, als hätten wir nur fünf Minuten geschnackt. Zeit verändert sich. Zeit passt sich dem Punkt an, an dem wir uns gerade befinden. Ebenso wie Temperatur, Aufmerksamkeit und Fokussieren oder Schweifen lassen, Windstärke und Tierbewegung, Nähe und Ferne, Menschen ziehen durch unseren Weg und verschwinden wieder. Die einzigen, die beständig leise mit uns ziehen, sind die Tiere. Leicht und ohne Anstrengung. Ein trällerndes Rufen von Hans, die ersten Schafe heben ihre Köpfe, es folgt eine Welle von weiteren hochschnellenden behornten Schnuckenhäuptern und mit einem leisen Anrucken setzt sich der Pulk in eine Bewegung, die plötzlich in eine klare Richtung dirigiert. Wie von selbst. Zum Hirten hin und in den Rhythmus seines Schrittes fallend. Einzelne Quatschköpfe hoppeln hinterher. Siehste Alva, die ham auch ihre Pappnasen in der Herde. Ich hatte meine kleine Hündin mitgenommen. Wollte sie nicht alleine zu Hause lassen, weil ich wusste, sie würde abends dann vor unentladener Energie platzen. Außerdem ist eine so lange Trennung von Frauchen unverzeihlich. Gedacht, gefragt, zugesagt, getan. Hans hatte nichts dagegen, wenn wir beide kämen. Also dachte ich, zeig ich Alva mal eine „richtige“ Schnuckenherde. Immerhin waren das 650 Muttertiere. Sechshundertfuffzig und n paar Ziegen. Also machten Alva und ich einen kleinen Betriebsausflug. Von unseren weißen, hornlosen Heidschnucken in unserer kleinen Schäferei auf dem Hof zu den grauen gehörnten Verwandten.

Sterne im Senf mit Ölrettich… oder Schnucken auf der Zwischenfrucht.

Eines der ersten Dinge, die Hans klarmacht: Schnucken müssen wie Sterne am Himmel stehen. Jau, verstanden, seh ich. Alle schön entspannt, Schafe verteilt auf der Fläche stehend, hier und da knabbernd, man könnte hindurchwandern und einzelne Schafbewegungen sind wie ein Blinken und Glitzern in diesem grünen Himmel. Man könnte die Szenrie an der Horizontlinie spiegeln, wenn es Nacht wäre. Selbst die Bewegung ist dieselbe, unten wie oben.

Irgendwann unterwegs. Welcher Märchengestalt ist Alva da auf der Spur?

Der Wind pfeift auf unserem Feldweg und ich bin froh, mir vorausschauend die dicken Handschuhe eingepackt zu haben. So geht es gut. Warme Füße, warme Hände, den Hals dick eingepackt, nur die Nase im Wind und das Beißen an den Wangen. Kalte, klare Novemberluft. Fast Advent. Der Frost auf Teilen unseres Weges macht eine Winterschönheit aus dem Land. Nicht genug, dass ich ein Rotwildrudel auf meinem Hinweg an mir vorbeihuschen sehen hab, nein, jetzt werde ich auch noch mit frostüberzogenen Nadelgehölzen und Wegrändern verwöhnt.

manchmal auch noch glühende Spätherbstfarben….

Alva scheint genauso begeistert zu sein wie ich. Sie pendelt vor und zurück, schnüffelt ausgiebig, ihr Blick packt die Schafe, sie lässt wieder ab, hüpft zu mir und wieder weg. Der kleine Hund scheint rundum zufrieden und aus dem Häuschen. Ihre Fröhlichkeit steckt mich an und ich muss mehrmalig äußern, wie begeistert ich von dieser Umgebung bin. Und so plätschert unser Weg und unser Gespräch dahin, es fällt mir leicht, Hans einfach hinter- und nebenherzulaufen, der alte Herr ist mein Hirte und mir wird an nichts mangeln. Jawoll, Hans – sehe ich auch so.

Wir müssen durch ein Waldstückchen auf knisterndem Waldboden ziehen, die behornten Damen gemütlich hinter uns und die netten, aber ein wenig spitzbübischen Jungs immer direkt an unserem Rücken klebend. Vor Hans geht keiner, soviel ist klar. Logisch. Mir ist es fühlbar unangenehm, wenn mein Schritt mich ein wenig vor den Hirten dirigiert, weil ich meine kleine Hündin von den Ziegen weghalten will. Es sind nur Zentimeter manchmal, aber ich fühle sie. Also lässt man sich von der Herdenbewegung wieder einlullen und pendelt an seinen Platz zurück. So ähnlich, wie die Schafe das ja auch machen. Manchmal, wenn eine oder eine mit ein paar Kolleginnen meint, sie müsste einen Umweg machen oder nicht der Herde hinterhertrippeln, dreht Hans sich zu ihnen. Mensch und Schaf schauen sich an, mit großen Augen. Aus dem Tritt geraten gilt nicht. Wissen die Schafe. Und schauen, als wollten sie charmant grinsen, verlegen mit einer Klaue scharren und hüpfen dann behende wie zarte Rehe mit dicken Bäuchen zurück in den Herdenschwarm und auf den rechten Weg. „Ja, genau. Das sehe ich auch so, ihr Schafe.“ sagt Hans dann immer. Sein ernstes und streng prüfendes Schäfergesicht zeigt ein heimliches, ganz warmherziges Lächeln, wenn er den Damen hinterblickt.

So entspannt wie beim Grasen, aber nur ein wenig fokussierter, laufen wir zum zweiten Acker. Die Pflanzen waren morgens noch gefroren und die Fläche konnte nicht mit Schafen betreten werden, denn sonst hätten die beim Laufen die gefrorenen Blätter abgeknickt und folglich Futter verschwendet. Also morgens der Acker zur Sonne gewandt und mittags der hinterm Wald. Gesagt, getan, da muss noch Ölrettich in die Pansen.

 

Schnuckenstrom driftet durch den Waldweg, die Sonne steigt, es ist Zeit für den zweiten Acker…

Ich freu mich ja schon immer bei 100 Schafen, wenn ich mal sommers mit meiner „großen“, noch ungeteilten Herde unterwegs bin auf eine neue Weidefläche. Allerdings laufen wir nur kurz, gehen vielleicht mal geplanterweise einen Umweg, um ein paar kostbare Blättchen mitzunehmen, wo meine Mähdels sich dann auf das Laubwerk stürzen dürfen. Oder wenn die ersten Eicheln fallen, machen wir mal eine Stunde „Ausflug“ um die Schafe knabbern zu lassen, aber ansonsten sind Koppelschafe ja was anderes als Hüteschafe. Anderes Freßverhalten, anderes Pansenvolumen, andere Marscheigenschaften. Oftmals etwas schneller und ich brauche meinen Schäferstock weniger, um mich abzustützen, als um den Schafen eine Grenze zu bieten. Immer, wenn ich dann auf meine Herde zurückschaue, geht mir das Herz auf. Diese netten Tierwesen, die treulich und vertrauensvoll hinterhertrotten, Köpfe nicken und Füße tanzen dazu. Aber das hier war einfach nur genießerisch. Sechshundertfünfzig sternengleiche Schnuckengesichter. Und n paar Ziegen.

Aber der Ölrettich wartet immernoch. Und die Pansen. Also weiter. Schauen, dass alle Damen durch die Pforte des Waldweges schlüpfen und auf die Fläche strömen.

Die Richtung ist klar, die Damen wissen, wo es zum Acker geht….

Die paar Ziegen kommen natürlich gucken. Allen voran Paule und der Schubbrer, der so heißt, weil er von Thomas gezähmt wurde und weil die Ziegenjungs sowieso immer bei Hans vorbeigucken müssen. Ja, die Jungs. Quatschköpfe. Meint Alva auch und sacht ma Bescheid. UUUps. Sowas ist mir ja immer peinlich. Mein Hund hat sich gefälligst zu benehmen und fremde Tiere stressen – eine Unhöflichkeit ungeheuren Ausmaßes. Zum Glück ist Alva immer recht nett dabei und hinterlässt nie blutige Wunden. Dennoch – sie packt ordentlich in die Wolle, die den Ziegen ja fehlt, wodurch es schneller zu Verletzungen durch Hundezähne kommt. Dafür haben die Hörner und wehren Hunde anders ab als Schafe. Unter Umständen auch für den Hund eine Gefahr, versehrt daraus hervorzugehen. Aber nichts blutet und der Schubbrer überlegt sich, dann doch lieber wieder ein bisschen Anstand zu halten. 10 Zentimeter mehr. Na gut. Hans freut sich. „Ja, genau. Lass dir nichts gefallen von den Blöden.“ sagt er zu meinem Hund. Sieht Hans auch so.

Guckste – fremder Schäfermensch. Ziegen sind von Natur aus sehr neugierig.

Nachdem die Jungs nun doch lieber das kommende Futter ins Visier nehmen und die Schafdamen auf den Acker strömen, das Schäfermobiltelefon gefühlt zum fünften Mal geklingelt hat, latschen auch wir auf den ausgemachten Schäferweg. Unterwegs wird klar, dass es Wege gibt, die nirgendswo verzeichnet sind, sondern allein durch den täglichen Schritt eine Landkarte entwerfen. So wie auf der Schafkoppel, wenn die täglichen Bewegungen der Tiere anfangen, Spuren zu hinterlassen. Dunklere Grasnarbe, wo die Tiere oft treten, mehr Köttel auf dem Weg, eingetretene Pfade, wo die Menschen langgehen, alles leise und sanft. Hier ein niedrigerer Bewuchs, weil hier schon oft gegangen wurde, selbst auf dem Acker ist es völlig klar, wo das Futter beginnt und wo seit Tagen der Weg zum Hüten ist. Mir ist es unangenehm, wenn ich in die Futterpflanzen gerate und ich versuche die kaum sichtbaren Trittsiegel der Menschen zu erspüren, wo keine Trampelpfade sind. Achtsam setze der Mensch seinen Fuß auf diese Erde. Beim Hüten hat man viel Zeit, nachzudenken. Der Vorteil ist nur, dass man nicht grübelt, denn man bewegt sich ständig weiter. Grübeln geschieht auf einem Fleck – Nachdenken hat was mit Weiterkommen zu tun.

So nach und nach zeigen sich beträchtliche Pansen unter der dicken Schnuckenwolle. Wir stehen auf der zweiten Fläche, reden, schauen den Schafen beim Fressen zu und immer wenn eine vorbeizieht, beult es sich auf ihrer linken Seite aus, als wolle das Schaf zur „Venus von Willendorf“ werden, dieser voluminösen Steinzeit-Frauenfigur, die vollste Fruchtbarkeit darstellt und symbolisiert. Hans mag Dickbauchschafe. Dicke Bäuche heißen dicke Hintern. Sag ich doch, Venus von Willenschaf. Die Schafe und wir nehmen´s gemütlich. Ein Tee, was zu essen, weiterschnacken, noch ein bisschen Ölrettich. Die Sonne wandert mit und neigt sich langsam wieder dem Ankündigen des Tagesendes zu. Die Gestirne nie aus dem Blick verlieren – unten wie oben. Nu aber langsam mal los. Die Schafe brauchen noch Rohfaser zum ordentlichen Wiederkäuen und zu einer gesunden Ernährung und die Heide wartet. Wir hatten ja noch einen Auftrag mit den Heidschnucken. Auf geht´s. Hans trällert.

 

Sammeln zum Abmarsch. Der Landschaftspflegevertrag muss erfüllt werden….

Es ruckt an, diesmal noch behäbiger, weil die schaukelnden Schafe ein wenig mehr Masse bewegen müssen. Aber die Damen fühlen es bereits. Calluna vulgaris. Die Pflanze, die immer wieder verjüngt werden muss, damit sie nicht in die Reifephase kommt und verholzt, denn dann wächst der Zwergstrauch höher und lässt Moosen und Gräsern zunehmend Raum, wodurch sie dann langfristig verdrängt werden würde. Das hieße, dieser Pflanze selbst langsam den Lebensraum zu nehmen, denn sie ist ein hochgradiger Spezialist und öffnet ihren Heidekraut-Kolleginnen damit die Tür zu einem einzigartigen Naturraum. Mit ihr verschwinden die anderen an diesen Standort angepassten Pflanzenbewohner und letztlich auch die Heidelandschaft. Und niemand übernimmt das Bewahren dieses Lebensraumes lieber als die Heidschnucken. Wir können mit Maschinen die Heide „pflegen“, wir können schneiden und Moore entkusseln, um Natur- und Lebensraum zu bewahren. Treibstoffeinsatz, Arbeitskraft und Anstrengung wären damit verbunden. Für die Schnucken ist es ein Glück und Genuss. Heidschnucken und Besenheide haben sich über Jahrhunderte aneinander angepasst, die einen ohne die anderen – geht nicht. Die Tiere sind auf die Rohfaser angewiesen, können sie besonders effizient verwerten – besser als andere Schafrassen. Manche Schafrassen rühren die Heide nicht einmal an. Unsere Ladies hier allerdings schwärmten aus. Allen voran, an unseren Rücken klebend natürlich die paar Ziegen. Wer sonst? 

 

In die Heide gehen wir locker, offen und weit, es sollen keine getrampelten Pfade entstehen, der Stickstoff aus den Kötteln und dem Tritt der Schafe muss sparsam dosiert werden, damit Heide auch Heide bleibt. Ich gehe auf die andere Seite der breiten Herde und erfreue mich an den Schafen, die unter Fanfaren in die Heide einziehen.

Here comes the sun …. dudndudu… here comes the schnuckenherde… dudndudu…. and i say……

Es ist eine andere Welt. Calluna hat ihr Blütenkleid abgeworfen und steht nun bräunlich. Grün in edlem, samtigen Ton schimmert verhalten durch, Moose hier und da und all die anderen Kollegen von Calluna. Die Herde rauscht in diese Welt und strebt schon bald auf die ersten aromatischen Pflanzen zu. Man kann ihr Knuspern hören. 650 Schafmäuler, die bald begierig die kleinen ledrigen Blätter zupfen. Die paar Ziegen fressen oben, die Schafe tiefer. Teamwork zum Heide-Mähen.

… it´s all right!  … Little darling, the smiles returning to the faces… Here comes the sun… Here comes the schnucke, and I say: It’s all right ….. It’s all right…

Hier wird Zeit sich noch einmal verändern. War sie vorher ein Dahinplätschern, wird sie nun ein sanftes Rauschen. Wie meine Füße geräuschvoll an den holzigen Stengeln der rauhen Pflanze entlangstreifen und man zwischen Zwergsträuchern und Wacholder-Gestalten hindurchhuscht. Den Schritt verlangsamt, zusehen, wie die Herde sich wieder in einem Sternenhimmel anordnet.

Und niemals verlieren wir dieses einzigartige Band. Einzigartig, weil es heute kaum noch so etwas gibt, was sich so natürlich anfühlt und dabei eine solche klare Ordnung hat. Nur, dass diese Ordnung nirgendswo festgeschrieben ist und auch nicht werden kann. Den Schafen und Calluna können wir keine Gesetzestexte vorlesen, keine Auflagen machen, sie nicht rechtlich binden oder ihnen Zertifizierungen verkaufen. Wir müssen unsere Augen öffnen, für das was jetzt und hier vor uns liegt und danach handeln. Schafe müssen satt und dazu noch voll werden, nichts darf verschwendet, nichts zerstört werden, manches muss zurückgedrängt werden, manches gemieden – und dabei gehen wir hierhin und dorthin, schneller, langsamer, gehen mit den Tieren und die Tiere mit uns, gehen so lange es nötig ist und gehen los, wenn es soweit ist, gehen durch Kälte und Wärme, durch Wind und Vogelzwitschern und Gänseflug und verlieren uns bei all dem nie aus dem Blick und Gefühl… Niemanden von uns.

Irgendwann kommt ein innerer Drang auf, nicht mehr lange, bis es dunkel ist, wir müssen bald zum Hof zurück. Ich sammle Bilder in meinem Gedächtnis, wie die Schnucken die Nährstoffe dieser Landschaft. Alles mitnehmen, jedes Schaf, was an mir vorbeischwebt, jedes Knuspern aus schnellbeweglichen Lippen, jedes blitzende grüne Auge mit den Pupillenschlitzen, was dabei aus einem dunklen, glänzenden Gesicht hervorsticht.

Heute, gestern oder morgen? Zeit verschwimmt, nur Bewegung bleibt. Farbe, Formen und Strukturen gehören zusammen – wie es war, ist und sein wird.

Das ist was ganz Altes, das mit den Hirten. Und wenn so einer wie Hans vorne wegläuft, trällernd seine Schafe zum Weiterziehen ruft, Quatschnasen aus seinem wettergegerbten Gesicht anschaut und die wieder alleine auf den „rechten Pfad“ gehen und er nur murmelt, „Ja genau ihr Schafe, so sehe ich das auch.“ und dann alle zusammen weitertrotten, dann senkt sich die Ruhe der Hirten ins Herz. Unter dem großen weiten Himmel und über die klirrend kalte Heide. Graupelzige, mit Hörnern geschmückte Damen ziehen sachte vorbei  mit ihrem übervollen Pansen und wenn man einen Blick auf die Hinterfront gekommt, ist manche Schnucke mindestens so breit wie hoch. Hans bekommt wieder sein sanftes Grinsen ins Gesicht.  „Jaaaaaaahaharr, genau – so müssen Schafe nach dem Hüten aussehen!“

Noch ein schnelles Familienporträt vor Abschluss des Tages.

Auch die Schafe wollen nach dem Hüten ihrer komplexen Verdauungstätigkeit nachgehen und die erste Ziege liegt. Ein sicheres Zeichen dafür, dass nun demnächst ein Entspannungsreflex die Herde erfassen wird. Das Schlafzimmer ist nicht mehr weit. Chill-Out Area. Ein Bett unter dem Sternenhimmel. Der Nachtpferch ist doppelt gezäunt. Das heißt, dass innen Zäune von 1,20m Höhe den Bereich der Schafe abgrenzen und im Abstand von einem oder anderthalb Metern der zweite Zaun, 1,05 m hoch um die gesamte Fläche herum. Eine Fläche für 650 Schafe, auf der sie entspannt ein paar mal Platz hat, die Herde. Jeder Kreis aus Schafnetzen hat sein eigenes Weidezaungerät. Für starken Strom auf den Netzen. Da müssen wir noch hin. Dort sind sie für die Nacht sicher. Dort sollen sie kauen und ruhen. Also gehen wir das letzte Stück, bei allen ist fühlbar, dass wir einkehren, einhüten, einpferchen. Es geht nach Hause. Alva ist die ganze Zeit begeistert dabei gewesen, außer dem einen Mal mit der Ziege hat sie sich sehr anständig benommen und lief immer mal ein Stück frei an der Herde entlang, ging zwischendurch schnüffeln und hüpfen, kam zu mir zurück mit wackelnden Ohren und hängender Zunge aus einem freudigen Gesicht. Da sie im gehörigen Abstand bleib, ließ ich sie hütend-schleichend ein Stückchen an den Schafen lang laufen oder gewährte ihr das Glück, sich zu fühlen, als sei sie die Herdenaufpasserin.

Konzentriert hält Alva die Herde im Blick, auch wenn ich gerade mit Hans plaudere.

Em Ende steht plötzlich Heidi vor mir und bewegt sich keinen Millimeter weg. Schaut mich herausfordernd an und Hans sagt nur „Kannst ruhig rangehen.“ Heidi ist sein Schaf. Seine Kuschelschnucke. Heidi läst sich von mir die Backenwolle und das Kinn ausgiebig kraulen. Schubst mich ein bisschen um und mag Kopfkuscheln. Dann geht sie weiter.

Heidi ist nicht mehr die allerjüngste der Damen. Na, ich ja auch nicht und somit verstehen wir beide uns bestens. Na, meine Gute – dann wolln wir mal, wa? Am Nachtpferch steht Hans Auto, wir beide stellen uns rechts und links vom Pfercheingang und die Herde fließt in den Kelch aus Zäunen. Einer von den Jungs kommt. Na klar, bestimmt der Schubbrer. Los, Abmarsch ins Bettchen, Dicker! Alva liegt neben mir, folgsam die einkehrende Herde fixierend und drohend dem Schubbrer ins Auge blickend. Der Schubbrer zieht ab. Auf Hans Seite überlegen ein paar von den Jungs gerade, in den Bereich zwischen den Zäunen zu entschlüpfen, wo sie dann nicht bei der Herde wären und nicht hinter dem Doppelzaun. Ein kritischer Blick von Hans zu den aufmüpfigen Ziegen. Nein, hier kommt keiner durch und wo ihr zu schlafen habt, wisst ihr sehr wohl, ihr Quatschköpfe. Muffelnd ziehen auch die ab und lassen sich wieder in die Herdenbewegung plumpsen. „Ja genau. So sehe ich das auch.“ sagt Hans nur.

Tiere und Kinder… „ooch – schon ins Bett? menno – ich will aber noch ein bisschen spielen…!“

Die letzten Trödeltanten kleckern hinterher. Lotte, eine von Hans Hündinnen, sagt sie macht das schon und schubst die Damen ein wenig. Nicht zu doll, Hans reicht das, wenn die Hunde liegen und die Schafe gemütlich ins Bett gehen. Lotte will aber lieber ganz sicher sein, dass alle Schafe ordentlich verpackt sind. Passt schon, Lotte. Alles läuft wie geschmiert, direkt hinter dem Zaun brandet die Herdenbewegung, Mattigkeit senkt sich erst noch ganz zart und sanft  auf die Tiere, wir schließen die Netze, Hans steckt den Zaun fest und spannt ihn dabei ordentlich. Auf dem Rückweg zum Auto laufen die Hunde im Feierabendmodus. Andere Herde, anderer Ort, aber Alva hat auch hier kapiert: „ok – haben fertig.“

Husch, husch – den letzten beißen die Hunde….sagt ein altes Sprichwort. Dabei haben Lisa und Lotte gar nicht gebissen….

Am Auto noch ein Plausch, Strom an beiden Geräten an, alle Hunde, auch meine Alva, bekommen Leckerli von Hans und wir fahren zurück zum Hof. Gute Nacht Mähdels, passt auf euch auf! Zwei Zaunreihen schützen die Damen im Pferch. Hans hatte schon eine Wolfsattacke tagsüber beim Hüten. Ein Mutterschaf ist dabei umgekommen. Die Anwesenheit von Menschen schützt Schafe nicht automatisch vor Wölfen, obwohl das von Wolfsexperten in der Öffentlichkeit lange so propagiert wurde. Hans hat die Realität erlebt, er musste hinlaufen und ihn vertreiben, sich dem Wolf entgegenstellen. Das Schaf war schon tot. Ich denke an Heidi und hoffe. So wie bei meinen Mähdels. Und immernoch bleibt es stark in meinem Gefühl: Schäfer und Hirten, das ist was ganz Altes. Egal, ob mit Schafen oder im Konflikt mit Wölfen. Aber das ganz alte daran, das kann man nirgendswo niederschreiben und es nicht managen. Das ist ein Geschenk der Hirten. Ich fahre glücklich und um tausend Gefühle und Gedanken reicher nach Hause. Die Sterne gehen auf, so wie vorher die Schnucken wie Sterne am Himmel stehen wollten, dann ist es das richtige Schnuckenhüten. Ja, die Sterne stehen am Himmel, wie vorher die Schnucken auf Feld und Heide standen. Genauso sehe ich das auch.

 

Zurück zu Hause – reichlich beschenkt durch die Hirten und reichlich beschenkt als Hirtin meiner Herde. Wie die Wölkchen am Himmel stehen die Moorschnucken und Schafe auf der Wiese.

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Gabi Goertsches 8. Dezember 2018

    Hallo Anke,
    dein Bericht, einfühlsam deinen Betriebsausflug schildernd, lässt den Leser-also auch mich- die Stimmung dieses Tages, ein Stück Arbeitsalltag von Hans, demSchäfer miterleben. Ich kann deine Begeisterung nachvollziehen!!! Da braucht man keinSitzkissen zum Meditieren.
    Toll geschrieben!!!!
    lieben Gruß Gabi

    • Schaeferin 9. Dezember 2018 — Autor der Seiten

      hallo gabi,
      ja das sitzkissen ist eher für nachher, wenn man vor dem knisternden ofen einkehrt, während die schafdamen im nachtpferch gemütlich käuen…. 😉
      lg anke

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