Die Schäferin vom WeidenHof

Nebla und die Nebelschafe

Warum WeidenHofWolle gut für alle ist (Teil 2: Klima)

Klimaschutz

In diesem Teil meiner Reihe über die Hintergründe möchte ich Euch ein wenig mehr vom Boden berichten, der meine Schafe trägt. Das ist nicht so einfach, denn meist sieht man schöne Bilder von Schafen auf grünem Weideland. Wer denkt da schon an die schmutzige Erdschicht, die darunter liegt? Aber genau auf die kommt es an. Und auf das Gräsermeer, welches diese Erdschicht braucht, um zu wachsen. Es ist ein schwieriges Kapitel, denn um alles ganz genau zu sehen, was geschieht, wenn meine Schafe weiden, müsste man schon fast Bodenkundler sein. Und ich kann es nicht mit Bildern zeigen, denn es geschieht ja versteckt, unter den Wurzeln der Pflanzen und durch die pflanzliche Aktivität. Und wenn ich jetzt noch sage, dass Weidetierhaltung eine Chance zum Klimaschutz ist, dann wird es für viele absurd, denn wir lernen ja gerade, dass das ausgerülpste Methan der Pflanzenfresser wie Kühe und Schafe ein klimaschädliches Gas ist.

Um das Ganze besser zu betrachten, will ich versuchen, Ordnung in die Sache zu bringen und möglichst einfach darzustellen, was genau geschieht, wenn Schafe weiden. (Mitlesende Bodenkundler mögen mir nachsehen, wenn ich fachlich nicht detailliert genug bin oder zu sehr vereinfache.) Also kommen wir zu meinem zweiten Statement, warum regionale Wolle eine rundum gute Sache ist:

Weidetierhaltung trägt zum Klimaschutz bei.

Tja und da wird es komplex. Das hängt nämlich vor allem mit dem komplexen Gefüge „Boden“ zusammen, der Humusschicht und der Grasnarbe, also dem Bereich, wo Wurzelwerk und Triebe der Graspflanze sich in dieser Humusschicht verankern. Anders als bei der Artenvielfalt, wo man die meisten der einzelnen Pflanzenarten und Tiere direkt sehen kann, können die Vorgänge im Boden nicht ganz so offensichtlich beobachtet werden. Man weiß aber mittlerweile, dass eine intakte Grasnarbe nicht ganz so selbstverständlich ist und vor allem durch Beweidung erhalten wird. Grasland ist dem Sinne also das Gegenteil von Wüste, also Land mit offenem Boden, der der Witterung ausgesetzt ist und Kohlenstoff freigibt.

Aber erstmal langsam. Begeben wir uns gedanklich auf die Ebene eines Grashalms. Unsere Wurzeln stecken fest im Boden und wachsen gleichzeitig unter bestimmten Bedingungen immer tiefer in diesen hinein, was uns immer fester im Boden verankert. Unsere Wurzeln haben einen ziemlich komplexen Aufbau und ein komplexes System, mit welchem Wasser und Nährstoffe in den Körper, also den Halm, hineintransportiert werden – ähnlich wie bei den tierischen Lebewesen Nährstoffe über die Leitgefässe des Blutsystems zu jeder einzelnen Zelle transportiert werden. Wir saugen also Mineralien und Wasser aus dem Boden, brauchen zu unserem Wachstum aber noch Energie. Und diese holen wir uns aus der Luft. Wir „atmen“ CO² ein und bauen es in unsere Körperzellen mittels Photosynthese ein, wodurch wir wachsen. Je größer wir werden, desto mehr CO² atmen wir. Es stört uns auch nicht, wenn unsere Nachbarn und Freunde dicht an dicht mit uns stehen, denn es gibt ja genug CO² zum Atmen. Ganz im Gegenteil, denn da wir ein Grashalm sind, der nicht weglaufen kann oder sich wehren kann, bedeutet es Schutz, dicht an dicht mit unseren Nachbarn zu stehen. So können wir nicht so einfach zertreten, hinfortgespült oder weggeweht werden.

Irgendwann kommt aber ein kritischer Punkt. Und der ist erreicht, wenn wir beginnen, unsere Rispen zu schieben. Dort befinden sich nämlich die Anlagen der Blüten. Ja, auch Gräser blühen – wer Heuschnupfen hat, kann ein Lied davon singen. Die Blüten sind winzig und unscheinbar und sie verwandeln sich ziemlich schnell zu Samen, welche dann zu Boden fallen und für Nachwuchs im wahrsten Sinne des Wortes sorgen sollen. Um all diese Samen tragen zu können, damit sie ausreifen, bevor sie fallen, brauchen wir einen starken Halm. Und ab dem Moment sind wir nicht mehr ganz so harmonisch mit unseren Standortnachbarn. Wir wachsen höher, damit die Sonne unsere Samen reifen lässt. Gräser, die schwächer sind, überwuchern wir ganz schnell oder werden von stärkeren überwuchert. Die dicken Büschel, die wir von langem, überständigem Gras kennen, lassen wenig Konkurrenz zu und recken sich hoch in den Himmel. Nach dem Fallen der Samen geht es auch relativ schnell, dass wir vertrocknen – unser Stoffwechselsystem hat sich geändert – die dicken Halme brechen und liegen auf dem Boden. Da wir aber unser Leben lang CO² geatmet haben, sind wir voll davon. Und während wir langsam zersetzt werden müssen von Bakterien und Mikroorganismen, wird das CO² wieder in die Atmosphäre freigesetzt. Gleichzeitig wird der restliche Boden von den vertrockneten Halmen bedeckt, die umliegenden Pflanzen bekommen weniger Licht und es entstehen kleine „Grasinseln“, die aus den stärksten Graspflanzen bestehen und zwischen denen aufgrund der Zersetzung und des Lichtmangels der Erdboden darunter frei gelegt wird.

Was hat das nun mit dem Weiden von Schafen zu tun? Ganz, ganz viel.

Schafe brauchen zu bestimmten Zeiten im Jahr einen ganz bestimmten Nährstoffgehalt in den Pflanzen. In der Hauptwachstumsperiode der Pflanzen, in der sie am meisten Eiweiß und Energie enthalten, befindet sich auch eine Schafherde in ihrer Hauptleistungsperiode. Die Muttertiere geben viel Milch und haben deswegen den höchsten Bedarf an verstoffwechselbarer Energie. Die Lämmer, die im Winter geboren wurden, fressen nun zusätzlich zur Milch, die sie von der Mutter erhalten, selbst Gras. Das Verdauungssystem der Lämmer ist gut entwickelt und sie können die Energie aus den Pflanzen vollständig verwerten. Alle Schafe haben also richtig Hunger und beißen ordentlich zu. Sie flanieren stundenlang über die Weide und schneiden die Grashalme zwischen ihrer oberen Kauplatte und den unteren Schneidezähnen ab. Wie ein gigantischer Trippelwalzen-Rasenmäher ziehen sie über die Wiese und saugen das Gras Schicht für Schicht ein. Wer von uns jetzt noch im Bild des Grashalms steckt, kann sich sicherlich vorstellen, dass wir als Grashalm das nicht so witzig finden. Aber da wir ja nicht weglaufen können, bleibt uns keine andere Wahl, als andere Lösungen zu finden, um zu überleben. Und das haben Grashalme sehr intelligent gelöst.

Zu anderen Zeiten des Jahres brauchen die Schafe nicht ganz so viel Energie und man kann schon das Rispenschieben abwarten, weil dann andere Gräser schon Samen tragen und auch so zur Vermehrung beitragen. Gras ist nicht gleich Gras. Auf halbextensivem Grünland finden wir die höchste Diversität von Pflanzen und Pflanzengesellschaften. Auch dem will Rechnung getragen werden. Durch unterschiedliche Beweidung zu unterschiedlichen Zeiten wird diese Vielfalt gefördert. In der Endkonsequenz bedeutet auch diese Viefalt wieder eine dichtere Grasnarbe, da jede Pflanzenart eine andere Wurzeltiefe hat und sich anders verzweigt. So wird durch eine gesunde Vielfalt unter und über dem Boden eine stabile, über Jahrzehnte gesunde Grasnarbe.

Da die Schafe den Energiebedarf ja selbst spüren, würden sie auch von Natur aus das frische, grüne Gras fressen, weil es am meisten Energie beinhaltet. Ein Schäfer weiß das natürlich und stellt seine milchgebenden Mütter mit Lämmern am liebsten auf eine saftige, grüne Wiese. Das ist der Zeitpunkt, bevor die Grashalme die Rispen schieben konnten. Es können also keine Samen mehr gebildet werden, um sich fortzupflanzen. Da Leben aber stets leben will, sucht es sich andere Wege. Und somit antwortet das Gras – jede einzelne Pflanze – auf den Verbiss von oben damit, dass es eben nach unten hin stärker wird. Anstatt auf die aufwändige Prozedur der Samenbildung zu warten, wird kurzerhand die Wurzelbildung angeregt und das Wurzelsystem – wir erinnern uns: auch durch die Wurzeln stellt eine Pflanze überlebenswichtige Nährstoffe bereit – wird schnell und weitreichend verzweigt, damit an anderen Stellen wieder neue Triebe aus dem Boden geschoben werden können. Und so wird die Gemeinschaft aus Gräsern und Grashalmen noch reichhaltiger, noch dichter, noch stärker. Es bildet sich ein regelrechter Teppich aus Gräsern, dicht ineinander verwoben.

Anstatt nun auf die Vermehrung von oben zu setzen, ist die Grasfamilie über die Verzweigung von unten gesichert. Schlau, oder? Wenn die Schafe weiter gezogen sind und wieder Ruhe im Grasland einkehrt, beginnt jeder einzelne Grashalm, der auf diese Art entstanden ist, mit seinem Wachstum, seinem CO² einatmen und seiner Substanzbildung von neuem. Nun sind es aber meinetwegen fast doppelt so viele einzelne Halme, die dann logischerweise ja fast doppelt so viel CO² einatmen, welches sich in der Luft befindet. Anstatt also zu welken, zu trocknen und zu vergehen und dabei Kohlenstoff freizusetzen, wird es weiter eingesogen und letztlich auch im Boden gespeichert, da es dort an bestimmte Mineralien und chemische Bausteinchen gebunden wird. Aus diesem Boden kann es aber nicht mehr hinaus, denn nach oben wird der Weg versperrt von einer so entstandenen dichten Grasnarbe und dem Bedarf der Pflanzen, die ihre Körper aus dem Kohlenstoff bilden. „Rasendecke“ sagt man auch und es trifft ganz gut, um zu beschreiben, dass die Erdschicht bedeckt ist und Kohlenstoff „unter der Decke“ gehalten wird.

Je dichter diese Grasnarbe ist, desto höher ist auch die Speicherkapazität von Kohlenstoff im Boden. Ganz so einfach ist es dennoch nicht, denn die Speicherkapazität hängt auch von der Bodenqualität ab, aber das ist einer der Punkte, an dem ich gerne vereinfachen würde, denn um es genau zu beschreiben, müsste ich anderer Stelle nun auch Fachliteratur bemühen und der Artikel würde ziemlich lang werden… Da wird in CO²-Äquivalenten gemessen, es kommt auf andere vorhandene chemische Bausteinchen an, es werden Bodentypen verglichen. Am besten schneidet Grünland auf nässeren Standorten ab. Das heißt zum Beispiel Weideland auf ehemaligen Niedermoorböden, wie auch unser Weideland vom WeidenHof. Treibhausgasemissionen von 10,3 t pro Hektar und Jahr liegen vergleichsweise gering im Vergleich zu anderen landwirtschaftlichen Nutzungsformen von Land. (zum Vergleich: bei Ackerland auf trockenen Niedermoorböden sind es 33,8 t pro Hektar und Jahr.) Wer sich ausführlicher damit befassen möchte, dem sei wärmstens der Grünlandreport des Bundesamtes für Naturschutz empfohlen: https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/service/Dokumente/positionspapiere/PK_Gruenlandpapier_30.06.2014_final_layout_barrierefrei.pdf

Futtern für`s Klima….

Sagen wir es zusammengefasst so: die größte Speicherkapazität hat man feststellen können auf sogenanntem „traditionsreichem Grasland“. Das heißt in unserem Fall: je länger ein Schäfer mit seinen Tieren bestimmte Flächen beweidet, desto mehr wurden die Graspflanzen über viele Jahre zu diesem unterirdischen verzweigten Wachstum angeregt. Desto dichter die Grasnarbe und desto fruchtbarer der Boden, da die Pflanzen ja den Kohlenstoff zum Wachsen brauchen. Beweidung ist also ein System, welches sich selbst speist. Werden Wiesen über viele Jahre umsichtig und mit Feingefühl mit Tierherden betreten, erhöht sich die Produktivität des bewirtschafteten Landes. Und das alles geht einher mit immer höherer Speicherkapazität für CO². Und da die Schafe in der frühsommerlichen Wachstumszeit den höchsten Energiebedarf haben, wird ein guter Schäfer wohlweislich immer die Herde vor oder nahebei dem Rispenschieben auf eine neue Fläche bringen. Verbiss, Verwurzelung und Stabilität gehen einher mit Speicherkapazität von CO². Und jetzt das Ganze nochmal von einem erstaunlichen Mann erklärt, der uns anschaulich darstellt, wie Beweidung dazu beiträgt, dass Land nutzbar und fruchtbar gemacht werden kann, Menschen ernährt werden können und der Klimawandel abgemildert werden kann:

Es muss nicht immer das holistische Management sein, was Savory für Länder in Afrika oder Südamerika beschreibt. Dort herrschen ganz eigene klimatische Bedingungen, es gibt kulturelle Entwicklungen und der „Weltmarkt“ hat sein Übriges beigetragen, die vorhandenen Probleme zu schaffen. Hier in Europa sind all diese einzelnen Faktoren unterschiedlich zu bewerten. Aber nach intensivem Studium der Zusammenhänge von Boden, Bewuchs und Beweidungssystemen lässt sich abschließend feststellen, dass wir das tun sollten, was wir hier aufgrund der dafür günstigen klimatischen Verhältnisse schon sehr lange getan haben: Lasst die Weidetiere auf die Weide! Lasst sie Gras knabbern und so für eine klimafreundliche Kohlenstoffspeicherschicht sorgen. Denn es ist genauso erwiesen, dass keine Maschine den Verbiss der Tiere nachahmen kann. Beißt ein Schaf zu, wird das Gras zu einem reicheren Verzweigen angeregt, als wenn Maschinen und Mähmesser schneiden.

Bevor die bäuerlichen Höfe intensivieren mussten und sich auf eine Produktionsrichtung spezialisierten, um möglichst viel Output für´s wachsen oder weichen zu erwirtschaften, hielt man seine Hoftiere draußen auf der Weide und ließ sie futtern, während man den Acker bearbeitete. Weidewirtschaft hat Tradition und hat unser Landschaftsbild geprägt, während wir gleichzeitig wertvolle Nahrungsmittel wie Fleisch und Milch erzeugt haben, sowie kostbare Wolle, aus der wir wärmende Kleidung machen konnten. Ja, ich weiß, heute ist alles anders und wir werden auch nicht mehr flächendeckend dazu übergehen, unsere Socken selbst zu stricken aus Wolle, die wir selbst versponnen haben. Aber darum geht es auch gar nicht. Auch Weidetierhaltung hierzulande hat für mich etwas von einem „holistic Management“. Ganzheitliche Produktion von ökologisch wertvollen Produkten. Aus Wolle kann man so viele schöne Dinge herstellen und wenn man demnächst einen schönen neuen Teppich fürs Wohnzimmer sucht oder eine Kuscheldecke für`s Sofa, dann kann man schon mal an regionale Wolle denken, anstatt nach günstigen Angeboten im worldwideweb zu suchen, was uns Wollprodukte vom anderen Ende der Welt anbietet. Und während man sich einmuckelt in weiche Lammwolle von nebenan, steckt in diesen Fasern immernoch der ganze Sommer, in dem ein Schaf für einen stabilen Kohlenstoffspeicher gesorgt hat. Klimafreundlich auf 2 Arten: 1. eine durch Beweidung entstandene Grasnarbe und 2. kein Containerschiff-Transport um den Globus, höchstens ein paar Kilometer von A nach B. Und zu Dir nach Hause.

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