Die Schäferin vom WeidenHof

Nebla und die Nebelschafe

Warum WeidenHofWolle gut für alle ist (Teil 3: Tierwohl)

Tierwohl

Weidetierhaltung bedeutet Tierwohl. Hierzu muss ich wohl am wenigsten erklären, denn es erklärt sich (fast) von selbst. Schaut man sich Bilder von weidenden Schafen in einer professionell gut geführten Schäferei an, kann man es den Tieren ansehen. Sie sind wach, aufmerksam, rund und gesund, mit glänzendem Fell. An der Stelle werden konventionelle landwirtschaftliche Kollegen, die ihre Tiere im Stall halten, Einspruch erheben. Nicht nur Weidetiere können so aussehen und der Zustand der Herde steht und fällt mit dem Management des Tierhalters oder Schäfers. Ich bin kein Freund von Polarisierungen, polemischen Diskussionen, die nur Einbahnstraßen sind oder hitzigen Ideologie-Debatten. Ich finde immer, man kann das Ganze mit Ruhe angehen, sich die Tiere anschauen – dann ist alles gesagt, wie es ihnen geht. Außerdem ist es ganz schwer, eine Schäferei mit alten Landrassen und einen Milchviehbetrieb zu vergleichen. Kühe und Schafe haben dann doch einen ganz anderen Nährstoffbedarf und einen leicht unterschiedlichen Stoffwechsel. Aber genug Fachsimpelei – dies nur erwähnt, um auszudrücken, dass ich um die Zwänge der Landwirtschaft weiß und lediglich das formuliere, was sachlich darlegen soll, was es für die Tiere bedeutet, draußen leben zu können. Einige von uns kennen es selbst, wie befreiend es sich oft anfühlt, im Sommer einen ganzen Tag draußen zu verbringen, abends mit dreckigen Füßen nach Hause zu kommen, windzerzauste Haare zu haben, nach Sommerluft duftend und mit dem Gesang der Vögel noch im Ohr…. So ähnlich geht es den Tieren auch. Sie haben viel Platz, sich zu bewegen, Jungtiere toben sich aus und rennen spielend über die Weide, Mütter liegen wiederkäuend im Gras und sehen dabei ziemlich entspannt aus. Es gab Beschäftigung den Tag über. Futtersuche, kleine Insekten hüpfen herum (oder stechen und nerven…), Vögel fliegen über die Weide, Menschen kommen und gehen, Rehe, Hasen, Frösche und all die anderen wilden Verwandten laufen an der Weide entlang, es kommt Sonne, es kommt Wind, Regen, Nebel, Raureif, Schnee,….

Was im Tierorganismus dabei geschieht, kennen wir auch aus der heutigen Gesundheitsvorsorge: viel Bewegung an der frischen Luft, am besten bei jedem Wetter und aktiv, am besten bei Tätigkeiten, die uns Spaß machen. Der Körper wird ganzheitlich genutzt, alle Muskeln und Sehnen beugen und strecken, durch Aktivität wird der Körper trainiert und das Immunsystem wird angeregt, da es sich mit allen möglichen äußeren Einflüssen beschäftigen muss. Sonnenstrahlen auf der Haut lassen den Körper Vitamine produzieren und frische Luft heilt so manche Atemwegsbeschwerde. So auch bei den Schafen. Sie bleiben fit – meist bis ins hohe Alter, haben ein starkes Immunsystem und durch Sonne, Licht und gesunde Ernährung sind sie gut versorgt mit lebensnotwendigen essentiellen Nährstoffen. Das alles ist sehr vereinfacht gesagt, der Berufsprofi möge bitte über die Verkürzung hinwegsehen. Dennoch sind wir uns einig, dass eine möglichst lange Weidezeit unter tiergerechten Bedingungen das gesündeste für unsere Schafe ist. Lediglich zur Lammzeit hole ich meine Schafe in den Stall, weil es dort für mich einfacher ist, tierschutzkonform die Geburten zu begleiten. Denn wenn etwas schief geht, muss man handeln und das manchmal schnell. Die kleinen Lämmer wachsen etwas witterungsgeschützter auf, was ich auch nicht so schlecht finde. Allerdings muss ich dazu sagen, dass „Stall“ immer bedeutet, dass die Schafe einen ständig erreichbaren, großen Auslauf am Stall haben, der seinerseits lediglich ein Dach mit Windschutznetzen ist. So ist der Unterschied zu Stall und Weide bei mir nicht so riesig, die Mütter können selbst wählen, ob sie drinnen oder draußen schlafen wollen und die Lämmer werden früh an das Außenklima gewöhnt. Und da Lammzeit bei den Schafen im Winter ist, ist es doch in so kalten Wintern wie in diesem Jahr gut zu wissen, dass ich mal kurzfristig zusperren kann, wenn viele Geburten anstehen, damit die nassen, neugeborenen Lämmer nicht auf dem gefrorenen und eiskalten Boden landen. Aber ansonsten bin ich komplett der Meinung: Schafe sind wie gemacht für draußen. Und sie werden draußen auch am allerschönsten. Das Lob der eigenen Arbeit ist es, wenn die Schafe stark und schön, fit und rund und mit glänzendem Fell vor einem stehen. Das Leben im Einklang mit dem Leben da draußen auf der Weide macht sie zu dem, was sie sind. „Artgerechte Tierhaltung“ und „Tierwohl“ sind Worte, die treffend beschreiben, was wir zurecht für unsere Nutztiere fordern. Zu erleben, was damit verbunden ist, das Schaf als Geschöpf des Landes, auf dem es lebt zu erfahren, lässt sich aber irgendwie kaum mit Worten beschreiben.

Es fällt uns ja nicht unbedingt leicht, den Begriff „Tierwohl“ genau zu fassen. Was bedeutet das eigentlich und aus welcher Sicht wird es beurteilt? Aus der des Menschen oder der des Schafs? Was würden wir denn sagen, wenn wir ein Bett vorfinden, welches ungefähr – 5 grad hat, relativ hart ist und leise die Schneeflocken anfangen zu fallen? Würden wir uns wohlig hineinlegen? Sicherlich nicht. Aber ein Schaf tut das. Viele Schafe tun das. Sie lieben es. Meine Schafe liegen in der Lammzeit zu solchem Wetter ausschließlich draußen und lassen sich langsam zuschneien. Dabei kauen sie ihre Abendmahlzeit und es kommen in regelmäßigem Rhythmus kleine Dampfwölkchen aus ihren Mäulchen dabei. Ihre Augen sind halb geschlossen und ab und zu hört man ein faules Brummen von irgendwo aus dem Off der Herde…. Tierwohl umfasst so vieles. Angefangen von einer artgerechten Fütterung – was Weide und konservierte Weide ja zweifellos sind – über einen guten gesundheitlichen Zustand der Herde, der durch fachliches Know-How hergestellt ist, bis hin zur Möglichkeit des sozialen Interagierens der einzelnen Herdenmitglieder, so wie sie es in einem möglichst natürlichen Umfeld ausleben. Wollte man all das nun genauer umschreiben, gibt es sehr viele Aspekte, auf die man sehr detailliert eingehen müsste. Und die auch durchaus kontrovers diskutiert werden können. Zum Beispiel sieht man immer wieder Schafe auf Streuobstwiesen. Aus Sicht des Menschen sind die zusätzlichen heruntergefallenen Äpfel ja ein schöner, natürlicher Vitaminzusatz. So wie wir es eben für uns Menschen sehen würden. Und ja, natürlich kann man Schafen auch Äpfel füttern oder sie auf einer Wiese mit Äpfeln weiden lassen. Aber ein zu hoher Säuregehalt in zu vielen Äpfeln kann auch das System der Pansenmikroben empfindlich stören und zu erheblichen Verdauungsstörungen mit starken Durchfällen und Schmerzen für die Tiere führen. Und so sind Dinge, die wir aus Menschensicht für die Tiere schön finden, oft nicht unbedingt vollumfänglich tierwohlgerecht. Manchmal kommt es stark darauf an, wie der „Herdenmanager“ die Herde führt. Auf einer Weide gibt es immer Neuinfektionen mit Würmern – ein anständiges Parasitenmanagement ist also erforderlich. Gibt es das nicht, wäre es für die Tiere besser, im Stall mit Heu gefüttert zu werden, da sie sich auf die Art mit vielen Parasiten gar nicht erst infizieren würden. Gesundheitliches Tierwohl muss also unbedingt fachkompetent bereitgestellt werden. Und dafür muss man sich auskennen, wie so ein Tierorganismus aufgebaut ist und funktioniert, was das Tier aus sich heraus braucht, um gesund zu leben. Dann aber kann man ganz klar sagen, dass ein Leben draußen auf der Weide die Herausbildung eines starken Immunsystems fördert, da durch den Kontakt mit allem möglichen, inklusive Sonne, Regen und frischer Luft und Sonstigem das Immunsystem trainiert wird. Das war das, was ich oben auch für den Menschen beschrieben habe, weil ein Immunsystem eben so funktioniert, egal bei welcher Spezies. Wird es gestärkt, gefördert und gefordert, entwickelt es sich auch stark und kann vielen möglichen Herausforderungen standhalten. Das ist es auch, was oft gemeint ist, wenn gesagt wird, dass Weidetiere „robuster“ seien. Und im Endeffekt bedeutet es auch eine Chance, Tierhaltung mit weniger Medikamenteneinsatz zu etablieren. Natürlich werden auch Weidetiere behandelt, wenn sie krank sind, was durchaus passiert. Aber durch eine gute Immunität ist das Erkrankungsrisiko nicht so groß. Und weniger erkrankte Tiere bedeuten zwangsläufig weniger Medikamenteneinsatz.

Und wenn wir schon ein wenig ins Detail gehen, dann will ich nicht ganz unerwähnt lassen, dass die Anwesenheit von Wölfen schon ein Problem auch für das Tierwohl ist. Bedrohliche Situationen von Wölfen an der Weide stressen die Tiere enorm – wir alle wissen, was mit uns durch Angst und Stress entsteht. Das ist nicht schön. Haben Attacken stattgefunden, ist oft eine hohe Zahl Tiere getötet oder z.T. schwer verletzt und die gesamte Herde ist sehr stark gestresst, lässt sich teilweise nicht mehr mit Hunden hüten wie vorher. Das ist alles sehr sehr schwierig, denn aus Sicht der Schafe ist der Wolf natürlich das allerletzte, was es zur Weidetierhaltung braucht. Und für uns ein schwer lösbares Problem, denn wenn wir einerseits Weidetierhaltung als artgerechte und tierwohlkonforme Haltung unserer Nutztiere fordern und keine tierischen Produkte haben wollen, die ausschließlich aus Stallhaltung kommen, dann werden wir uns letztlich entscheiden müssen, wie wir Weidetierhaltung mit der Anwesenheit von Wölfen zusammenbringen wollen. Das geht nicht ohne Konflikte und erheblichen Stress für die Weidetiere. Aber das ist eine alte Diskussion und letztlich ja auch ein Teilaspekt der Weidetierhaltung, wenn auch ein gewichtiger. Alle anderen vorteilhaften Aspekte der Weidetierhaltung wie die Förderung der Artenvielfalt in der Flora und Fauna von Dauergrünland, der klimaschonende Aspekt solcher tierischen Produktion innerhalb verschiedener Tierhaltungssysteme, der Erhalt alter Kulturlandschaft und die Grundlage zu einem artgerechten Leben für die Tiere machen die Weidetierhaltung insgesamt so wertvoll, dass es gilt, sie zu erhalten. Viele aktuelle und drängende Fragen, wie die klimaschonende Bewirtschaftung von Land, unser ethisches Leitbild in der Nutztierhaltung und der Erhalt natürlicher Ressourcen und Diversität können mit der Anpassung von Weidetierhaltung und aktuellen Bedürfnissen angegangen werden. Wenn wir unseren Konsum von tierischen Produkten, auf ein Maß herunterschrauben könnten, was die Weidetierhaltung in der Lage ist, zu produzieren und gleichzeitig die Produkte aus der Weidetierhaltung zu einem fairen Preissystem vermarkten würden, welcher sich nicht mit hocheffizienten, aber ethisch „unsauberen“ Stallsystemen der industriellen Produktion messen müsste – das würde die richtigen Schritte in der landwirtschaftlichen Praxis einleiten. Für mich ist das Schaf DAS landwirtschaftliche Nutztier der Zukunft. In Zeiten des Klimawandels werden Wetterereignisse immer chaotischer. Die nächste Dürre kommt bestimmt und dann verdorrt Gras auf den Wiesen, der Aufwuchs ist durch fehlenden Regen spärlich. Kühe werden dann bald schon nicht mehr satt. Aber mit den kleinen Schafen kann ich immer noch hier und da knabbern gehen. In den vergangenen Dürresommern haben wir es dennoch geschafft, bis in den November hinein ohne Zufütterung zu weiden, bei guter Gesundheit und dicken Schafen. Das ist, was gemeinhin als „Genügsamkeit des Schafes“ bezeichnet wird. Sie kommen auch mal mit weniger klar, wenn sie gut gepflegt und gesund sind.  

Zusammenfassend kann man sagen, dass Weidetierhaltung in Bezug zum Tierwohl für die Tiere das Beste ist. Sicherlich ist klar geworden, wie sehr das Wohl der Tiere eben auch davon abhängt, wie gut sie gehalten werden, egal ob im Stall oder draußen. Und ganz so einfach und selbsterklärend ist es wie eingangs angekündigt dann doch nicht. Aber was die allermeisten Menschen bei dem Wort „Tierwohl“ sicherlich im Kopf haben, ist ja auch das, was mich am meisten glücklich macht. Draußen zu sein und zu sehen, wie meine Schafe gesund und munter über die Weide springen, viel Platz zum Grasen, Liegen und Toben haben, sich unter Bäumen vor der Mittagshitze oder „Schlechtwetter“ verstecken können oder wahlweise mitten auf der Wiese als kreisrunder, herumgammelnder Herdenhaufen zu liegen und das Leben zu genießen. Sie sind in keinerlei Bewegungsmuster oder Gruppendynamiken eingeschränkt, sie können tun, was ein Schaf tun muss. Sie haben ein glückliches Leben. Wieso ich da so sicher bin? Ganz einfach. Wenn ich zur Weide komme und mir eine hüpfende Meute entgegendonnert, Lämmer wieder weggaloppieren, dabei mit allen vieren in die Luft springen, abrupt stehen bleiben, sich umdrehen und genauso wieder zurückrennen, weiß ich, dass es Lebensfreude pur ist, die da durch diesen Schafkörper pulsiert. Und wenn dann sogar noch alte Muttertiere von diesem Rennspiel inspiriert werden und sich kurze Zeit aufführen wie junge Lämmer, obwohl sie in ihrem betagten – meinetwegen 8jährigen Leben solche leichtsinnigen Aktionen nicht mehr unbedingt nötig haben, dann weiß ich, dass da eine fröhliche und fitte Herde vor mir hin- und herrennt. So will ich meine Tiere sehen.  

Das Glück und die Zufriedenheit meiner Herde und der einzelnen Tiere ist mein Maßstab, an dem ich meine Arbeit messe. Und wenn einzelne Tiere dann zu mir kommen, sich neben mir niederlassen und sich wohlig lächelnd streicheln lassen – dann weiß ich, dass ich auf den richtigen Wegen bin. Das sind die schönsten Momente – so wie dieses Sonntagskuscheln mit Niamh.

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